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18.12.2017 : 2:09 : +0100

Alban-Berg-Oper Wozzeck am Pfalztheather Kaiserslautern

06.03.2013

Intendant Urs Häberli führt Regie. Heraus kommt eine beklemmende und verstörende Schilderung der Welt der Armen. Frank Herkommer war als Rezensent dabei.

Der prekäre Fußabstreifer

 

Herr Hauptmann sitzt im Rollstuhl. Der Verächtlichmacher des ungebildeten Gottesfürchtigen, Wozzeck neigt zum apokalyptisch gefärbten Bramarbasieren , er ist selbst ein emotionaler Krüppel, der sich nur auf zwei Krücken durch das beschädigte Leben schleppen kann. Intendant Urs Häberli weist mit seiner Inszenierung die Abhängigkeit des Bösen von dem Zuhandensein eines Opfers auf. Kaum hat sich der Lebensbeender Maries aus seiner prekären Notlage im doppelten Sinn-arm und schuldbeladen-verabschiedet, kehrt der vorher gar nicht brave Soldat zurück zum aufrechten Gang. Und Doktor Quälgeist, eher Typ Eichmann als Mengele, wirft seinen medizinische Humanversuche dokumentierenden Koffer in just das Gewässer, in dessen Trübe der Plastiktütenprolet seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Mit der Abflachung des sozialen und bildungsmäßigen Gefälles verliert das Böse seinen Stachel, so die soziologische und sozialpsychologische Analyse. In guter expressionistischer Tradition hebt der Regisseur an der Person der Marie die demokratische und transzendierende Dimension des Todes hervor. Die Himmelfahrt der Marie wird als Hochfahren und damit Aufhebung des Fußabstreifers ins Bild gesetzt, der über dem Gewässer liegt. Metaphorik und Dialektik vom Feinsten. Das Liebchen Wozzecks eine Magdalena für Arme, die sich der Not gehorchend dem feschen Tambourmajor hingibt, deren Sohn den Beischlaf unterm Bett überhört. Die da oben und der kleine Mann, der überdimensionale Fußabstreifer, als solchen empfindet sich und behandeln die anderen immer schon Wozzeck, trennt die beiden Welten. Häberli und sein Bühnenbildner Thomas Dörfler schaffen Phantasie bewegende Bilder, die an Woody Allens Schatten und Nebel erinnern, wenn das kleine Ich im Dienst des Allverschlingers große, bedrohliche Schatten wirft. Ein Rollstuhl als Sinnträger, ein Turm, der die Abschottung-subjektiv wie objektiv-der verletzten Seelen symbolisiert. Bei aller Ernsthaftigkeit blitzt immer wieder Humor in dieser Inszenierung auf, ohne dieses Gegengift keine Todesthematik inszeniert werden sollte.

Bernd Valentin, was für ein Wozzeck! Eine brillante Gesangsleistung, jenseits aller klassenkämpferischen Töne. Das Stöhnen der gequälten Kreatur , das Warnen des Rufers in der Wüste, Valentin intoniert es so intensiv, dass man körperlich sein Leiden zu spüren vermeint. Seelenmalerei vom Feinsten. Darstellerisch verstörend schön. Wenn man ihm seine Not mit der Notdurft abspürt. Das kleine Glück beim sich Bedienen aus seiner Plastiktüte, der Stolz bei der Übergabe seiner Notgroschen an Frau und Kind. Die Inbrunst beim Intonieren seiner schwarzen Vorahnungen. Die Bedachtsamkeit seiner Bewegungen. Seine Beschränktheit und Begrenztheit, aber immer im Bewusstsein der Würde gespielt, die auch einem Wozzeck zukommt. Adelheid Fink eine Marie, die wunderbar differenziert auftritt. Verletzlich, erotisch, gefallener Engel, liebende, aber überforderte Mutter. Sie unterscheidet sich schon in ihrer Kleidung von ihrer prolligen Nachbarin, die mit ihrem Habitus und ihrem Outfit in jeder Talkshow im Primitivfernsehen auftreten könnte-Margret, die Melanie Lang so faszinierend spielt und singt, dass man vergisst, dass es sich um eine Nebenrolle handelt. Maries Kostüm stellt sie in die Mitte zwischen Prekariat und Kleinbürgertum, aufstiegsorientiert, dazu fähig und bereit. Ungewohntes Terrain für eine Stimme, die in großen Rollen französischer und italienischer Opern zu begeistern wusste. Fink besteht die Herausforderung mit großer Expressivität. Andrew Zimmerman beeindruckt tief als Hauptmann. Ihm gelingt es, eine expressionistische Figur zu zeichnen, mit Mimik und Körpersprache. Mit einer eleganten Stimme, die herrlich grotesk vom strahlenden Heldentenor zur voix mixte wechselt, diskant ausbricht. Zu Recht wird er vom Publikum bejubelt. Alexis Wagner findet im Doktor eine Paraderolle sowohl darstellerisch als auch für seine Stimme. Fein differenziert, hohe Textverständlichkeit, klangschön. Carlos Aguirre ebenso Idealbesetzung in der Rolle des draufgängerischen jugendlichen Liebhabers. Daniel Kim in der Rolle des Andres mit ansprechender Stimme. Margret findet in Melanie Lang eine Protagonistin, die sichtlich Spaß an ihrer Rolle hat und entsprechend ankommt. Mariens Knaben spielt der erstaunliche Liam Rödler, der sich immer mehr zum Kinderstar am Pfalztheater entwickelt. In den weiteren Rollen: Dmitri Oussar (1. Handwerksbursche), Radoslaw Wielgus (2.Handwerksbursche), Peter Floch als androgyner Narr.

Der Chor, dem das Werk nur eine kleine Rolle zuweist, zuverlässig, spielfreudig, stimmlich bestens eingestellt von Ulrich Nolte.

Berg vom Besten, das Orchester des Pfalztheaters unter der vorzüglichen Leitung von GMD Uwe Sandner erstaunt und begeistert einmal mehr durch seine Leistung, die die schwierige Komposition abverlangt. Expressiv, furios, in der Feinabstimmung brillant, in dem Malen der Stimmungen expressionistisch, einfühlsam und mit Brechungen, Sprüngen, die gewollt und angelegt sind. Sandner gelingt es, das Unvertraute vertraut klingen zu lassen.

Die Kostüme aus der Hand von Gérald Ziegler, der den Chor in verschwenderisch schöne Kostüme steckt, den Proleten in die typische Zeeman-Kleidung, tragen den Regieansatz ebenso trefflich wie das stimmige Bühnenbild von Thomas Dörfler, mit viel Symbolismus, Türen, die keinen Durchlass für jeden gewähren, Türme, aus denen es kein Entkommen gibt.

Das Publikum alles, nur keine lahmen Premierenabonnenten. Leider kein ausverkauftes Haus. Wie gut, dass begeisterungsfähige Liebhaber der modernen Oper auf manchen Platz nachgerückt sind. Bravi und Jubel fordern Vorhang um Vorhang. Und weil die Anerkennungskultur in guter Reitmeierscher Tradition am Pfalztheater fortgesetzt wird, kann Urs Häberli bei der Premierenfeier vor vollem Foyer sein Lob auf die Protagonisten auf und hinter der Bühne verteilen.