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18.10.2017 : 2:00 : +0200

Fausts Verdammnis am Staatstheater Saarbrücken

18.02.2013

Eine komplexe, mitunter verwirrende, nachhallende Inszenierung erlebt Korrespondent Frank Herkommer in Saarbrücken für Opernnetz

Drei Seelen in einer Brust. Mindestens.

Als konzertante Aufführung angelegt, entwickelt sich die Rezeptionsgeschichte dieser romantischen Legende in vier Teilen immer mehr in Richtung Oper. Dieser Tendenz folgt auch die spannende und umtreibende Inszenierung, die Frank Hilbrich auf die Bühne des Staatstheaters Saarbrücken bringt. Ein Heinrich Faust, der am Weltschmerz leidet, weder die per Diaprojektion aktualisierte, für die Romantik typische Naturverklärung noch die allgemeine Kriegsbegeisterung können ihm den erfüllten Augenblick gewähren. Die Tür zur Welt isoliert er mit Band und Matratze von dem Leben draußen, solipsistisch pflegt er sein Unbehagen an der Kultur. Da tritt Méphistophèles in sein Leben, aus einem Raum, der seitenverkehrt das karge Studierzimmer widerspiegelt. Das Böse, so die Botschaft von Hilbrich, ist immer die latente, eigene Möglichkeit im Hintergrund, die jederzeit virulent werden kann. Verführer und Verführte sind wir in einer Person. Aber Hilbrich geht weiter. In Goethes Faust sind es noch zwei Seelen in einer Brust, die entweder dem Natürlichen oder dem Intelligiblen zugeneigt sind. Jede der drei Hauptprotagonisten in der Saarbrücker Inszenierung, Faust, Méphistophélès und Marguerite tritt in drei Hypostasen auf. Sie stehen einmal für das Heraustreten aus der eigenen Person in der Selbstreflexion, das andere Mal für die Ambivalenz allen Tuns. Marguerite, eine Heilige, eine Hure und ein Opfer zugleich. Bis zu neun Personen agieren zuweilen gleichzeitig, und man kann sich nicht gewiss sein, auf wie viele zu reduzieren ist, drei oder zwei oder eine? Die beiden Räume zeigen die jeder Handlung innewohnende Mehrdeutigkeit, indem die Handlungen im zweiten Raum abweichen können vom vordergründigen Geschehen. Mit Méphistophèles beginnt die Phase der Welterkundung, es geht in die rüde, sexistische Männerwelt in Auerbachs Keller, wo Frauen als Sexobjekte missbraucht, misshandelt und verhöhnt werden. Szenen, in denen vom Chor immer wieder Höchstleistungen abgefordert werden, sängerisch wie schauspielerisch. Zu genießen ist eine hervorragende Personenführung, schauspielerisch exzellente Darstellungen und eine sängerische Offenbarung, einstudiert von Jaume Miranda. Wenn am Ende das Satansnamenregister von den Männern intoniert wird, die Hölle interpretiert schon Berlioz als kommunikatives Ausgeschlossensein, wenn der himmlische Erlösungsgesang für Marguerite in elysische Bereiche führt, eröffnen sich metaphysische Welten. Jetzt wabert Nebel bis ins Publikum, Méphistophèles führt in eine Opiumhöhle. Nur die erfüllte Liebe kann jetzt noch Lebenssinn stiften. Marguerite wird nicht primär als Kindsmörderin dargestellt, sondern als ungewollte Muttermörderin. Abweichend von Goethe unterschreibt zu ihrer Rettung Faust erst jetzt den Pakt mit dem Teufel. Der Höllenritt gerät zum Amoklauf, eine Interpretation, die der Text durchaus zulässt. Eine Inszenierung, die nachwirkt. Die das Tempo aufnimmt, den fehlenden musikalischen Übergängen geschuldet, ohne Hektik zu erzeugen. Eine Auseinandersetzung mit dem Bösen, die sich nicht auf einfache Antworten zurückzieht.

Das Bühnenbild von Volker Thiele arbeitet geschickt mit den Möglichkeiten der Drehtechnik für einzelne Elemente, die Räume sind auf die wesentlichen Anordnungen reduziert, geschickt verdoppelt. Eine bemerkenswerte Leistung. Mal herrlich spießig, wenn nur unifarben die Kostüme der Damen aus der verurteilenden Kleinbürgermasse, dann elegant und schwarz für Méphistophèles, wenn es an der teuflischen Bund geht, in Frauenkleidern, wenn vom Verführer an die sensiblen Anteile Fausts appelliert werden soll, sehr viel Phantasie und Gedanken investiert Gabriele Rupprecht.

Die Komposition arbeitet stark mit dem Hervortreten einzelner Instrumente. Andreas Wolf arbeitet sensibel jede Instrumentierung heraus, er zeigt Gespür für die feinen Nuancierungen und die leisen Töne, um dann wieder die ganze florale Schönheit der Musik in Töne zu setzen, die Dramatik ohne Pomp zu Gehör zu bringen. Ein Abend, an dem das Publikum ihn zu Recht feiert. Als guter Einfall erweist sich, den vorzüglichen Andriy Gudzij mit seinem Engischhornsolo auf die Bühne zu bringen.

Drei Protagonisten zum Verlieben. Tereza Andrasi eine Marguerite, die sich in die Herzen des Publikums singt. Was für eine Anmut, mit der sie das Lied über den König von Thule interpretiert. Ein Mezzosopran, der ahnen lässt, warum große Rollen wie die der Kundry ursprünglich für Sopran geschrieben wurden, weil sie die Leichtigkeit hat und die Höhen beherrscht, die man in ihrer Stimmlage nicht unbedingt erwartet. Ein Méphistophèles, wie er subtil-diabolischer nicht sein kann, eine Paraderolle gesanglich wie auch schauspielerisch für Olafur Sigurdason, der mit seiner virilen und dabei eleganten Stimme den richtigen Ton für diese differenzierende Inszenierung trifft. Jevgenij Taruntsov meistert die Partie des Faust, glaubwürdig, stimmlich faszinierend, die Übergänge zwischen Bruststimme und voix mixte, wie sie typisch ist für französische Kompositionen, sehr spät, was den Klang um so voller und sprühender macht. Großer Auftritt. In den Nebenrollen: Sopransolo Elizabeth Wiles. Ebenso ansprechend wie Jiri Sukzenko. als Brandner.

Das Publikum ist begeistert. Weltstar Siegmund Nimsgern, der nicht jeder Aufführung in Saarbrücken diese Ehre zuteil werden lässt, war in vier Vorstellungen, so angetan war er von der Leistungen. Schade, dass nicht alle Vorstellungen ausverkauft waren. Verdient gehabt hätten sie es