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26.6.2017 : 3:54 : +0200

Gräfin Mariza am Theater Trier

28.01.2013

Wenn es Nacht wird im Museum kommt Gräfin Mariza. Eine spritzige Operetteninszenierung beschreibt Korrespondent Frank Herkommer in Opernnetz.

Mariza im Museum

Man muss keinen Champagner trinken, um bei dieser Inszenierung in entsprechende Laune zu kommen. Klaus Dieter Köhlers pfiffige Idee zündet: Die Grundstruktur des Kinofilms Nachts im Museum zu übernehmen und genau dadurch die Operette ihres musealen Charakters zu entkleiden, sie dorthin zu versetzen, wo sie hin gehört: In die Welt der Traumbilder, der blühenden Phantasie, der bergenden Erinnerungen, die bei den älteren Theaterbesuchern oft verknüpft sind mit der Welt der Operette. Es gelingt eine einzige, liebevolle Hommage an die Welt Kakaniens, eine Traumkollage, die alle Bilder bedient. Ortsnamen mit Überschuss, Transsylvanien und Dracula, die Puszta mit ihren virilen Hirten, die exotisch-sinnliche Welt der Zigeuner. Reminiszenzen an Wien und jeder assoziiert einen der beiden Johann Strauß. Köhler witzelt sich durch fremde Operettentexte, natürlich darf auch nicht der Schweinespeck fehlen, der Wandfries im Museum, der die Robert-Lemke-Frage illustriert. Und wenn die Gräfin Gefühle hat für den vermeintlichen Verwalter, die beiden rosa vorglühenden Friesschweine wissen es bereits. Es fehlt auch nicht an eingesprenkeltem Lokalkolorit, das Publikum bedankt sich mit herzhaftem Lachen. Die Rahmenhandlung: Ein Schüler, der unfreiwillig, dann aber um so lieber eine Nacht im Donaumonarchiemuseum verbringt, begegnet seiner Piroschka und all den Gestalten um Mariza. Ein Museum, das in einem typischen Herrschaftshaus der Doppelmonarchie seinen Sitz hat und damit den fließenden Übergang zwischen Traum und Operette ermöglicht. Witzig, spritzig, nicht ohne Spannungsbögen in Szene gesetzt, so dass man es an manchen Stellen doch bedauert, obwohl die Geschichte sich selbst erzählt, dass Köhler auf die Texteinblendung verzichtet hat. Viel, ob gesprochen, ob gesungen, ist nur schwer, wenn überhaupt zu verstehen. Wie gut, dass eine hinreißende Choreographie, verantwortlich zeichnet Jean-Pierre Lamperti, eine Flut von vertrauten und beschwingenden Melodien, detailgetreue Kostüme und wohldosierter Slapstick das Stück auch so tragen.

Das intelligente Bühnenbild stammt aus der Werkstatt von Thomas Gruber, dem es gelingt, die doppelten Ebenen zu vereinen, eine spielerische Leichtigkeit zu ermöglichen, den Spielfluss zu fördern. Eine einzige Augenweide sind die unterschiedlichsten Kostüme von José Manuel Vásquez. Von elegant bis mondän, von folkloristisch bis bürgerlich.

Joongbae Jee führt das Philharmonische Orchester der Stadt Trier mit Verve und Spritzigkeit durch die anspruchsvolle, vielseitige Komposition.

Joana Caspar souverän, präsent, stimmschön, glaubwürdig und erotisch in der Rolle der Gräfin. In der Rolle des verarmten Grafen Tassilo alias Verwalter Bela Törek auf Augenhöhe spielerisch wie stimmlich Svetislav Stojanovic. Wie die Caspar mit brillanter Technik und unverwechselbarer Klangfarbe. László Lukács in ungarisch-komödiantischer Höchstform steht in der Rolle des hypochondrischen Rumänenfürsten Populescù auf der Bühne. Evelyn Czesla spielt anrührend und auf hohem gesanglichen Niveau die Schwester Tassilos, Lisa. Luis Lay, dessen tänzerische Ausbildung nicht zu übersehen ist, füllt mit seiner erotischen Musicalstimme die Rolle des biederen Zsupán einschließlich omnipräsenter Plastikblume charmant aus. Den Diener Tschekko gibt Ferry Seidl so ungarisch, dass selbst Lukács es nicht authentischer könnte. Die Grande Dame aus der Schauspielabteilung Trier, Angelika Schmid, spielt die Tante Tassilos beeindruckend glaubwürdig. Neben ihr glänzt Christian Miedreich als trottelig-taktloser, Wutausbrüche inszenierender Flachmannexperte Penizek. Die weiteren Rollenbesetzungen: Michael Höhler als Liebenberg, Silvie Offenbach als junge Zigeunerin, Tim Heisse, ein Zigeuner, Jakub Hanisz als Zigeunerprimas. Das junge Liebespaar, sehr scheu, authentisch, gewollt unsicher, dann wieder forsch als Andi im Museum David Nolden und Angela Pavonet in der Rolle der Piroschka.

Das Publikum im ausverkauften Haus geht mit, lacht schallend im Dreiviertelminutentakt, lässt sich auf die Inszenierung ein und zeigt sich höchst amüsiert und bestens unterhalten. Gut, niemand drängt es zu stehenden Ovationen, auch wird keine Zugabe herbei gejubelt, aber die strahlenden Gesichter erzählen davon, wie angetan man von dieser Gräfin ist. Man sollte sich schnell um ein Ticket bemühen, bevor auch die letzte Vorstellung ausverkauft sein wird.