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23.8.2017 : 11:53 : +0200

Nabucco am Pfalztheater Kaiserslautern

21.01.2013

Große Oper in der Pfalz. Kerstin Maria Pöhler gelingt ein Wurf mit großartigem Orchester und großen SängerInnen. So erzählt man die Pogrom-Oper Nabucco nach Auschwitz. Die Bewertung von Frank Herkommer für Opernnetz

Nabucco nach Auschwitz

Wie man Nabucco inszeniert, ohne dem Adornoschen Verdikt der Barbarei zu verfallen oder sich eines romantisch-idealistischen Philosemitismus zu bedienen, zeigt Kerstin Maria Pöhler mit ihrer klugen, empathischen, differenzierten, von beeindruckender judaistischer Sachkenntnis ausgezeichneten Produktion am Pfalztheater Kaiserslautern. Eine Inszenierung, die nachdenklich macht und zum Nachdenken einlädt, ohne an ergreifender Faszination und Dramatik einzubüßen oder die Charaktere zugunsten einer Belehrung verblassen zu lassen. Im Gegenteil: Pöhler gelingt es, verstörend schöne Charakterbilder zu malen, die erzählen von Wahnsinn und Reue, von Eifersucht und triumphierendem Ressentiment, von Duldsamkeit und Hingabe. Sie wartet mit Bildern auf, die unvorbereitet auf Höllenfahrt schicken-erhängte Frauen und Kinder. Albträume eines im metaphorischen wie neurologischen Sinn Erwachenden, der die Killing Fields ermordeter Juden sieht und den Gefangenenchor hört. Einer der Höhepunkte der Inszenierung. Der entmündigte König, diese personifizierte Schnittstelle von Schuld und Sühne, erhoben in Shakespearsches Format. Hölzerne Marionetten, mit schwarzer Bush-Kapuze über dem Kopf, der Insignie dümmlich-arroganten Weltherrschschaftsgebarens, und den Henkersstrick um den Hals, an denen die Scharfmacher auf beiden Seiten im großen Nahostkonflikt gleich skrupellos ziehen. Der Genozid im Kleinen in der Zeit Nebukadnezars verweist auf das Ungeheuerliche, das sich mit der industriellen Vernichtung verbindet. Zum Ausdruck gebracht durch eine „Klagemauer“ , auf die in hebräischen Schriftzeichen das biblische Menetekel des damaligen Untergangs, aber auch schon die Flammen des kommenden Holocaust projiziert werden. Die Mauer ein Geflecht wie die Wand von einem überdimensionierten Wäschecontainer, gefüllt mit den geraubten Kleidern derer, die. wie Paul Celan sagt, durch den Schornstein ihr Grab in den Wolken gefunden haben.

Die Oper wird von Kerstin Maria Pöhler auch als Parabel verstanden auf den heutigen Nahostkonflikt, mit all seinen historisch gewachsenen Aporien. Diese Reise nach Jerusalem, in der einer dem anderen den Platz streitig macht, obwohl genug Stühle für alle da wären-schon während der Ouvertüre plastisch zum Ausdruck gebracht. Ein Stadtplan an der Wand, auf Zion hinweisend. Die illuminierte Weltkugel auf dem Schreibtisch, die sich ständig dreht, die „beide“ Seiten für sich proklamieren und in ihr ihren universellen Anspruch auf die Wahrheit und damit das Land dokumentiert sehen. Wunderbar der Einfall, muslimische und jüdische Kleidung zu mischen, wenn der Hofstaat Nabuccos die Kippa aufsetzt. Statt plakativer Kufiya Karsaimoden für den Herrscher des Zweistromlandes. Hochgehaltene Schriftrollen, die das Land zwischen Palästina und Babylon zeigen. Die blutigen „Tefillin“ der Abigaille, Selbstverletzungen einer Gescheiterten. So viel Liebe zum Detail, ohne dabei das Ganze in Segmente zerfallen zu lassen.

Als kongenialer Partner zeigt sich Bühnenbildner Herbert Muraurer. Beeindruckend die Raumaufteilung, wenn ein großformatiger Vorhang, Gardine und Schals, die Bühne vorne abtrennt, das Hereinbrechen des Absurden in das Vertraute visualisierbar macht, des Allgemeinen in das Besondere, Schatten, Schemen, angepresste Münder, Einbruch des Irrationalen und des Bedrohlichen. Weltgeschehen und Individualgeschichte, Interdependenzen werden sichtbar, ohne einem teleologischen Geschichtsbild zu dienen, das den Einzelnen zum bloßen Objekt machte. Großartige Leistung des Bühnenbildners, der die Qualität der Kostüme von Dietlind Konold in nichts nachsteht. Ganz Israel ist auf der Bühne, die säkularen Partymädchen von Tel Aviv genauso wie die Immigrantinnen aus der Sowjetunion mit ihrem verspäteten Modebewusstsein. Die jüdischen Männer tragen schwarz, Krawatte, Hut oder Kippa, mehr braucht es nicht. Muslime erkennt man an dem weißen islamischen Langhemd. Die beiden Konkurrentinnen um die Liebe Ismaeles tragen die selben Kleider, nur in der Farbnuance unterschieden. Erst die Liebe lässt die jeweiligen Oberteile abweichen.

Markus Bieringer, stellvertretender GMD, leitet mit Temperament, großer Emphase, Verve und Leidenschaft das Orchester des Pfalztheaters durch einen großen Verdiabend. Nichts wirkt zu pompös, die Lautstärke korrespondiert mit der Dramatik. Wenn Text und Noten vereinzelt Schwierigkeiten haben, zueinander zu finden, liegt das an dem mitunter sperrigen Libretto.

Überragend die Besetzung der einzelnen Rollen. Eine Mischung aus Hauskräften und Gästen, bei der man nicht weiß, von wem man als erstes schwärmen soll. Irina Gagite, zuhause auf den großen Bühnen der Welt von der Met bis zum Marinskij-Theater, gibt ein überragendes Deutschlanddebüt in der Rolle der Abigaille. Eine Stimme, in Moskau geschult, von der man schwören würde, sie sei in die italienische Schule gegangen. Mit einem Charisma, dass man auch ohne Textkenntnis verstünde, von welchen Gefühlen und Erfahrungen sie gerade singt. Dazu eine begnadete Mimin. Melanie Lang zeigt, warum man sie nach Kaiserslautern ins Ensemble geholt hat und überbietet die schon hohen Erwartungen. Die österreichische Mezzosopranistin in der Rolle der Fenena eine Antipodin auf Augenhöhe mit dem internationalen Star. Überragend Gast Paulo Ferreira als Ismaele. Der Portugiese singt nicht seine Rolle, er verkörpert sie mit seiner strahlenden und technisch vor der Vollendung stehenden Belcantostimme genauso wie mimisch. Wieland Sattler begeistert in der Rolle des Zaccaria einmal mehr sein neues Pfälzer Publikum. Ernsthaftigkeit und Stringenz, Leiden mit seinem Volk, alles kommt zum Ausdruck, mit seiner Stimme, deren sonore Brillanz jede Botschaft weiterzutragen in der Lage ist. Wagnersänger Karsten Mewes, Heldenbariton mit Bayreutherfahrung, die Verkörperung des vielschichtigen Nabucco. Stimmlich und mimisch eine Offenbarung. Seine Rolleninterpretation des Nabucco hat Shakespearsches Format. In den Nebenrollen gefallen Arlette Meißner als Anna, Daniel Kim als Abdallo und Alexis Wagner als Oberpriester. Den hervorragenden Gesamteindruck bestätigt der Chor und Extrachor des Pfalztheaters unter Leitung von Ulrich Nolte. Große Choroper!

Das Premierenpublikum zeigt sich begeistert von der Produktion. Beim Premierenfeiernplausch zeigt man sich stolz auf das unglaubliche Niveau der Sängerinnen und Sänger, die fantastische Orchesterleistung, die anspruchsvolle Inszenierung. Alle Vorstellungen sind ausverkauft. Dabei würden so viele gerne noch ein zweites und drittes Mal diese Ausnahmeproduktion genießen.