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23.8.2017 : 11:53 : +0200

Manon am Theater Pforzheim

20.11.2012

Selten gespielt, ungeheuer anspruchsvoll für Orchester und Stimmen, ein kommender Weltstar am Horizont-Frank Herkommer, Korrespondent für Opernnetz, war dabei

Kleine Mittel-große Oper

 

Pforzheim zeigt Mut und wird belohnt. Massenets selten gespielte, spätromantische Komposition verlangt Orchester wie SängerInnen das Äußerste ab. Arien, die ankündigungslos von dramatisch in lyrisch umschlagen. Duette, die äußerste Präzision verlangen. Eine Konversationsoper, die große Gefühle transportiert und vom Orchester höchste Konzentration in der Feinabstimmung erfordert. Das alles mit einem kleinen Orchester, gerade mal sechs Geigen, mit kleinem Chor, wenigen Mitteln und vielen hauseigenen Kräften.

Sven Severin gelingt eine Inszenierung, die jedem großen Haus zur Ehre gereichte. Orientiert an der Commedia dell'arte, macht er keineswegs aus der finanziellen Not eine inszenatorische Tugend. Durch den Verzicht, eine Ausstattungsoper auf die Bühne zu bringen, wird die Geschichte umso eindringlicher erzählt, die Charaktere treten klar hervor. Selbst eine nahezu leere Bühne reißt nicht aus der Illusion, Zeuge einer dramatischen Geschichte zu sein, deren böses Ende man voraus ahnt, obwohl der Begriff Opéra Comique zu anderen Erwartungen führen könnte. Severin liest sich ein in die Seelen der Figuren, vermeidet durch eine meisterliche Personenführung bis in die einzelnen Gesten, Körperhaltungen, Zuordnungen und Abwendungen eine eindimensionale Charakterisierung. Zwei Tänzer und eine Tänzerin, die in die Geschichte eingebunden sind, Dämonen im klassisch-griechischen Sinn, die seelische Spannungen zum Ausdruck bringen, die dem antiken Chor gleich auf die Peripetie, auf die sich anbahnende Krisis vorbereiten. Exzellent choreografiert von Mittänzer Yari Stilo. Gekleidet wie Bajazzi, in bester Commedia-dell'arte-Tradition.

In der Commedia genügen eine Wäscheleine und ein paar Laken, und die Welt wird zur Bühne. Hier sind es bühnenlange Bahnen, auf die das jeweilige Szenenbild projiziert wird. Vom klassizistischen Gebäude, vor dem die Kutschen halten, über Bohème unter den Dächern von Paris, vom Volksfest unterm Eiffelturm bis ins feudale Kasino, die Gemäuer von Saint Sulpice und das Todeslager in der US-Wüste, ein Bild genügt und ZuschauerIn ist bei der Sache. Einige wenige Requisiten, hier ein Tisch, der augenzwinkernd kippen kann, da ein Rollstuhl, der die emotionale Behinderung von Vater Des Grieux augenfällig macht. Dort ein Türrahmen, durch den man ins Haus fallen kann, hier ein Zaun um das Sakralgebäude, zwischen dessen Tor Des Grieux eingeklemmt und damit seine Zerrissenheit visualisiert wird. Ein niedriges Podest, schon drängt sich die neugierige Bourgeoisie. Ein ander Mal die Besucher im überfüllten Kasino. Verdichtungen, die vergessen lassen, mit wie wenigen SängerInnen die Gesangsleistung erbracht wird. Die Phantasie wird angeregt, Linien selbst fortgeschrieben, das Symbolische und das Natürliche vom Wahlrömer in eine Symbiose gebracht.

Das konkludente Bühnenbild, das ein feines Gespür zeigt für die symbolische Ebene, die allen Dingen innewohnt, stammt ebenso wie die Kostüme aus der kreativen Hand von Katja Lebelt. Schnörkellos, liebevoll im Detail, ihre Kostüme wachsen mit Manon und ihrem Aufstieg, sie verweisen auf ihre jeweilige Reife.

Der erste Kapellmeister am Theater Pforzheim, Martin Hannus, führt die Badische Philharmonie Pforzheim zu einer Klangfülle, zu feinster Differenzierung, dann wieder unpathetischer Emphase, die den Eindruck erweckt, als spiele ein großes Orchester im Graben. Hinreißende Musik, von der man sich wünschte, sie öfter im Repertoire deutscher Bühnen anzutreffen.

Was für eine Manon! Tatjana Larina, der eine große Zukunft vorausgesagt werden darf. Die Kindliche, die bis an den äußersten Rand der Welt fliegen möchte, bei deren Gesang man einen Vogel mit den Flügeln schlagen hört, die Triumphierende, die das Bedürfnis hat, ihr Glück der ganzen Welt mitzuteilen. Die Verführerin, die Treulose, der man das unterschwellige schlechte Gewissen abspürt. Die Erotische, deren Hand man zu spüren glaubt, wenn sie die Des Grieuxs sucht. Die Sterbende, die zu Tränen rührt mit ihrer zarten Fragilität. Eine Stimme, die sich in jede Regung zu versetzen weiß. Ein internationaler Star im status nascendi. Alessandro Rinella, Ensemblemitglied, glänzt in der Rolle des Chevalier Des Grieux, schauspielerisch wie sängerisch. Vor allem im Mezzoforte sensationell. Seinen Vater im Rollstuhl singt Spencer Mason mit unangestrengtem Bass, so reif und sonor, dass man sich wundert, warum er sonst „nur“ im Chor singt. Aykan Aydin ein jugendlich-stürmischer Lescaut, mit einer schmeichelnden Stimme. Marek Reichert ansprechend in der Rolle des De Brétigny. Hans-Jörg Weinschenk gibt dem Guillot de Morfontaine ein charaktervolles Gesicht und eine schöne Stimme. Susanne Pemmerl, Thérèse Wincent und Alexia Basile entzücken als die drei frivolen Damen Javotte, Pousette und Rosette. Frank Traub füllt gleich fünf kleine Rollen aus. Als Geigerin, die Severin auf die Bühne holt, tonsicher und ausdrucksstark Deborah Spiegel. Die beiden weiteren Tänzer: Maria Deller-Takemura und Friedemann Kriener.

Das Publikum geht begeistert mit. Alle werden bejubelt, bei Tatjana Larina steigert sich der Applaus zum Orkan. Die bravi schließen das Regieteam mit ein. Bei der Laudatio in der Premierenfeier, die Operndirektor Wolf Widder charmant und geistreich vorträgt, ein Foyer voller strahlender Menschen. So haben auch kleine Häuser eine Zukunft.