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18.10.2017 : 1:56 : +0200

Im Weißen Rössl am Pfalztheater

15.11.2012

Eine hinreißend witzige Inszenierung beschreibt Frank Herkommer für Opernnetz. Alle sind begeistert

Da lacht die Kuh

Was tun mit einer Operette, deren Lieder so unsterblich wie die Handlung sterblich langweilig ist? Weil die Älteren unter den Liebhabern der leichten Oper das Geschehen in und auswendig kennen, Waltraud Haas und Peter Alexander erscheinen vor angefeuchteten Augen, da warn wir noch jung, während die heute jungen Theaterbesucher den glatten Schluss, jeder kriegt jede, eigentlich nicht durchgehen lassen. Man inszeniere so unverschämt frech, spritzig, ironisierend, ohne zu karikieren wie Holger Potocki. Ein irrer Drive, die Gäste kommen und gehen, mitten unter ihnen ein Hochzeitspaar, dessen Begattungsfreude nicht gestört werden möchte, der Bräutigam mit gerollten Ohren, die man aus Shrek,dem Animationsfilm kennt. Nie weiß man, ob die Protagonisten zur Inszenierung des Themenhotels gehören oder die Rolle interpretieren, auf den Arm nehmen, die ihnen Benatzky zugedacht hatte. Jede Figur wird ausgeleuchtet, der Kaiser ist auch Beckenbauer, der in amerikanischer Manier ewig sein Berlin verherrlichende Fabrikant Giesecke freut sich auf sein Bergsteigerprogramm an der Kletterwand. Er verwechselt dudeln mit dödeln und greift in Haiderland dem Ober an den drallen Po. Ottilie, die auf Punk steht, könnte auch Nina Hagen sein. Siggi, ein Sporturlauber, der die Perücke lüftet. Piccolo wandelt mal als Kermit, mal als Spongebob über die Bühne, Professor Hinzelmann schwankt zwischen Doc Brown und Einstein. Im harmlosen Ober, der nicht verzichten kann, steckt ein Dominator, dessen Machismo Piccolo handfest zu spüren bekommt, dessen archaische Gewalt Frau Wirtin erschreckt und erotisch erschaudern lässt. Thomas Bernhard hätte seine Freude gehabt an dieser subtilen Anspielung auf österreichische Befindlichkeiten. Nichts ist fertig, es wird noch gestrichen im Weißen Rössl, als der Bus bereits eintrifft. Augenzwinkernde Anmerkungen zur Gegenwart, der Staub ist weggefegt, die Langweile vertrieben, das Spektakel amüsiert Jung wie Alt. Und über allem schwebt die Kuh, bei der jeder rätseln soll, für welches Thema sie Modell gestanden haben könnte. Nicht einmal der Kaiser kennt die Antwort. Brechungen der subtilen Art. Statisten, die sich gewollt im Chor verlieren, sich zwar der Choreographie anschließen können, aber nicht den Text beherrschen.

Das Bühnenbild von Thomas Dörfler ideal. Viel Alpenland, Wolfgangsee, viel verschiebbare Kulisse, die ständig chargieren lässt zwischen drinnen und draußen. Die Kopfhaltung der Spielenden entscheidet, wer hinauf, wer herunter spricht. Die Kostüme von Lena Brexendorf heutig, bunt, vielfältig, kreativ und unglaublich witzig.

Rodrigo Tomillo dirigiert das Orchester des Pfalztheaters mit Leidenschaft und Einfühlungsvermögen. Der Chor, wie immer von Ulrich Nolte gut eingestimmt, sprüht vor Spiellaune, von Choreograph Christopher Tölle bestens aufgestellt.

Astrid Vosberg lässt schnell die filmische Vorlage vergessen. Eine Josepha Vogelhuber, die eher an eine gestresste Managerin erinnert, die auf der Klaviatur der Emotionen spielt und mit ihrer Stimme versteht, Charakterzüge zu zeichnen. Auf dem selben hohen Niveau Mario Podrecnik als Zahlkellner Leopold Brandmeyer, herrlich aufdringlich, differenziert, wenn eine Dämonie sichtbar wird, die im simplen Kellner steckt. Alle Gassenhauer wirken aus seinem Mund wie neu arrangiert. Thomas Kollhoff ein herrlich komödiantischer Giesecke, mit sonorer ansprechender Stimme. Arlette Meißner singt Operette, spielt Boulevard, beides sehr erfolgreich als Töchterchen Ottilie. Daniel Böhm, singt die Titelmusik so einfühlsam, dass man am liebsten aufbrechen möchte an den Wolfgangsee. Als Dr. Siedler anpassungsfähige Idealbesetzung. Köstlich die Interpretation des Sigismund Sülzheimer durch Günter Fingerle , die berühmte rhetorische Frage in der Sauna, ein flotter Tänzer dazu, der mit Klärchen über die Bühne fegt. Gesungen und gespielt von der lispelnden Monika Hügel, die ihr Rolle irre komisch ausfüllt. Beide überzeugen spielerisch und gesanglich. Peter Floch gibt auf ergötzliche Weise den weltfremden Professor Dr. Hinzelmann, Klaus Hesse ein Kaiser zwischen jovialem, gönnerhaftem Wohlwollen und ersten Altersgrenzerfahrungen. Kathi bekommt von Christina-Mirl Rehm Gesicht und ansprechende Stimme, das Publikum wartet schon sehnsüchtig auf ihren nächsten Einsatz, wenn sie im feschen Dirndl nicht nur den Bauarbeitern den Kopf verdreht und mit ihren Jodelversuchen die Finger in die Ohren sausen lässt. Andrea Zabold und Hae Sung Park lösen als Hochzeitspaar Lachsalven aus. Die Schülerin Konstanze Wagner zeigt einmal mehr ihr großes Potential, sie spielt den Piccolo mit jugendlicher Unbekümmertheit und erstaunlicher Souveränität. Felicity Hader mit dem Wunschholz im Arm sprechend eine Reiseführerin der besonderen Art.

Das Publikum ist außer sich. Die, von denen man es bei dieser mutigen Inszenierung am wenigsten erwartet hätte, am meisten. Endlich, so der allgemeine Tenor, eine Operette, bei der nicht einmal der Sekundenschlaf eine Chance hat. Man wird dieses Rössl lieben oder man wird es hassen, meint Kostümbildner Michael Zimmermann, der als Gast im Parkett sitzt. Die Lautrer lieben es, wie der stürmische Applaus unterstreicht.