Sie sind hier: Publikationen
18.10.2017 : 1:56 : +0200

"Kopernikus" - Young Opera Company führt in Freiburg Claude Vivier-Oper auf

30.10.2012

Selten gespielt- eine ungeheure Herausforderung, die in Freiburg im Breisgau gelungen ist. Von der Aufführung in der Christuskirche berichtet Korrespondent Frank Herkommer für Opernnetz.

Todeszonen

Es konnte nur ein Sakralraum sein, in dem Claude Viviers Oper Kopernikus seine berührende und verschreckende Kraft entfaltet. Eine Kirche, weil dort die Ewigkeit der Zeit das Maß gibt. Die Bühne für Religion, die sich grundsätzlich verortet zwischen Diesseits und Jenseits. Sie atmet den Geist der Aufklärung, die im Renaissancestil erbaute evangelische Christuskirche in Freiburg, mit ihren polygonalen Raumabschlüssen von Chor und Querarmen, die die Einheit stiften zwischen Längs- und Zentralbau. Die klare Kreuzform, mit Emporen, die der Hintergründigkeit des Werkes aufhelfen, wenn dort oben Agni hinter dem Altarraum erscheint, jene Traumwandlerin, die beides ist: Totes Kind und Vergil, Dantes Seelenführer ins Unbekannte Land, hier in seiner indischen Ausgabe, der Feuergott Agni, der die Toten im Jenseits führt. Mutter und Tochter verschmelzen zunehmend metamorphotisch. Immer in weiß, die Farbe der Unschuld. Für die kongeniale Ausstattung sorgte Lena Lukjanova.

Unten das morbide Schattenreich. Noch nicht das Nichts, nicht mehr das Leben. Am Rand das kleine Orchester. Die meisten stehen. Eine aufgebaute Bühne, Stühle und ein Tisch, die niemand befreit hat von der weißen Malerfarbe, Insignien der Abnutzung aller Dinge, das sich andeutende Zurückfallen in die einzelnen Segmente, die unsere eigene Auflösung vor Augen führen. Nichts ist heil in dieser Welt, nichts gänzlich ausgelöscht. Figuren, drei Männer, vier Frauen, die alle Ängste widerspiegeln, von denen der todesahnungserfüllte Komponist umgetrieben war und die sich bald als begründet erweisen sollten. Kommunikation, die gerinnt und in Tableaus zum Stillstand kommt. Ängste, Entsetzen, das in die Gesichter gemalt ist, die so in Michelangelos Höllenmalereien der Sixtinischen Kapelle erscheinen. Physikalisches Weltwissen, das die Illusionen der Religion zerstört, die kopernikanische Wende auf dem Gebiet der Transzendenz. Die tödliche Blässe, die noch nicht alle erfasst hat. Liebe, die sistiert ist, Umarmungen, die von einer Nähe erzählen, die nicht wärmt, die lediglich aus der Gleichheit in der Verlorenheit rührt. Embryonale Verkrümmungen, doch kein Tisch, unter den man sich verkriecht, bannt die Angst als Grundhaltung der Vorhölle. Gespannte Sezierungen, die die Freude über den großen Gleichmacher nicht verhehlen und dann wieder Auferstehungserwartungen, die im Analogieschluss die eigene Existenz meinen. Die ganzen leeren Hoffnungen bekommen ihr Forum. Selbst der Versuch, in der Auflösung des Ich noch Individualität zu bewahren, mit vier verschiedenen Frisuren der Frauen, mit Kleidung, die bei den Männern davon erzählt, wer man einmal war. Jede der Damen trägt ihre eigene Farbe. Jede kommt aus ihrer eigenen Zeit. Die jüngst Angekommene die Heutigste. Dann das Gastmahl, die aufgetragenen Teller liegen auf dem Bauch, die gefüllten Gläser kann niemand leeren, eingeschlossen die Mittel zum Leben in buntes Glas. Alles nur noch ein Nachäffen des wahren Lebens. Wie in der Depression, wie in der Angstpsychose. Agni tritt auf, in einem Teddybärenlager, die zu verspürende Gier, mit der sich die Eingeschlossenen und Verlorenen auf das gerade eintreffende Kind werfen, das noch etwas atmet, ausdünstet von dem, was aus den anderen längst entwichen ist. Jakob Burckhardt hat den genialen Satz formuliert, dass man auf Reisen das lernt, was man weiß. Vivier eröffnet den Blick in den eigenen Abgrund, dort, wo der eigene Tod aus dem Spiegel blickt. An diesem Abend lernt man das, was man weiß. Hendrik Müller und sein Gespür für seelische Zwischenwelten, seine strenge Choreografie, seine minimalistische Ausstattung, seine exzellente Auswahl der Sängerinnen und Sänger, seine Sicherheit für jeden Blick, jede Geste und Mimik, sein Entschlüsseln der Hieroglyphen des Todes sorgen dafür, dass die Aufführung ein großes Ereignis wird.

Ein beklemmend schöner Opernabend, den die Young Opera Company Freiburg allen Kunstinteressierten geschenkt hat. Eine Oper, auf die man sich einlassen muss, die eigene Existenz wagen, Aporien zulassen, Ängste nicht verdrängen, zugleich die große Kunst genießen, die an diesem Abend zur Aufführung kommt.

Die Musik ist im guten Wortsinn un-erhört. Sprechen, das in Gesang übergeht. Laute, die keiner Worte bedürfen und doch verstanden werden. In vielen Passagen so wenig vom Orchester begleitet, das man eher von Untermalen sprechen sollte. Die menschliche Stimme das Hauptinstrument. Viele a capella Szenen. Schreie und Flüstern, dem Grauen eine Tonlinie geben. Crescendi und Decrenscendi, Finger auf die Lippen legen, dem Ton ein anderes Vibrato geben. Musik, die in andere Sphären versetzt, die das Vertraute zerstört und dennoch von einer Welt erzählt, in der der Mensch vorkommt. Musik, die ein unglaubliches Geschick des Dirigenten in der Feinabstimmung verlangt. Eine Aufgabe, die Klaus Simon bravourös meistert. Wie die wunderbare Holst- Sinfonietta, die er dirigiert.

Alle Sängerinnen und Sänger zeichnen sich durch hohe Kunst auf allen ihren Gebieten aus. Exzellente Stimmen, großartige schauspielerische Leistungen, vollendet in Tanz und Pantomime. Für die Choreografie zeichnet Juliane Hollerbach verantwortlich. Als Protagonisten brillieren: Svea Schildknecht, Dorothea Winkel, Uta Buchheister, Barbara Ostertag Neal Bamerjee, Ji-Su Park und Florian Kontaschak. Alle konzentriert, von atemberaubender Präsenz und Eindringlichkeit.

Das Publikum, die Aufführung hätte noch mehr verdient gehabt, zutiefst berührt, angesprochen. Der Applaus nach dem finalen Totentanz, wenn Dirigent, Sologeiger, Orchester und die Untoten aus der Kirche schreiten, lange und ehrlich, der Würde und Tiefe des Augenblicks dennoch angemessen. Es war ja keine Jubelmesse, die gerade gelesen wurde. Unbedingt hingehen!