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18.12.2017 : 2:05 : +0100

Familienoper Aladin und die Wunderlampe am SST

22.10.2012

Eine einzige Huldigung an die Macht der Träume und der Phantasie- die Inszenierung von Sebastian Welker am Staatstheater- Korrespondent Frank Herkommer war dabei für Opernnetz

Das Wunder der Träume

Aladins Lampe: Wer daran reibt, dem eröffnet sich das Wunder der grenzenlosen Phantasie. Die Botschaft: Man muss nur ins Theater gehen, um sie zu finden. Das grandiose Eingangsbild: Die Altstadt von Saarbrücken, der St. Johanner Markt, die Häuser im Tanz wie Viadukte bei Klee und Pferde bei einem Franz Marc. Nach einer durchzechten Nacht, Absinth war schon immer ein Traumbeschleuniger, eskamotiert der Zauberer in uns allen das hässliche Karstadt-Gebäude, und es erscheint der Theaterraum aus Sicht derer, die auf der Bühne stehen. Dort, wo die sitzen, deren Phantasie angeregt wird, ist die Wunderlampe zu finden. Dafür steigt der junge Mann schon mal über die Köpfe und Reihen. Selten wurde die Phantasie so schön und vielschichtig bedient wie in der Inszenierung von Sebastian Welker. Ein Name, den man sich unbedingt merken sollte. Eine einzige Huldigung an die transzendierende Kraft der Kunst, des Träumens, mit der dem jungen Regisseur etwas Außergewöhnliches gelungen ist: Klein und Groß zugleich in den Bann zu schlagen. Bilder zu produzieren, die dem Text treu bleiben und der Sache des Märchenhaften. Die Horizonte werden überstiegen, schöne Frauen schweben ein, Wunschschlösser stehen wie bei einem Aristophanes in die Wolken gebaut. Delphine springen in den prächtigen Videoproduktionen mit Weihnachtsmützen durch die Lüfte, Disney und Dali stehen gleichzeitig Pate. Aus der Werbewand für den Weihnachtsmarkt springt der Cola-Weihnachtsmann und entpuppt sich als guter Geist. Der Dönerbuden-Aladin bekommt die Filmdiva, aber alles nur im Theater. Am Ende ist Schluss mit lustig, aber davor gehen Humor und Geist wie ein Blizzard über das hellauf begeisterte Publikum nieder. Das orientalische Märchen, nach Jakob Burckhardt die einzige literarische Gattung, in der die Kultur der ihm unterworfenen Völker vor dem Totalitätsanspruch des Islam flüchten konnte, sei figurenreich, aber gestaltenarm. Diese Erkenntnis macht sich Welker zu eigen und schon wird Aladin zum Hoffenden a se, zum Mann des wishful thinking, zum Träger von Allmachtsphantasien, mit denen man sich dann mal wegbeamt. Die Welt der Träume, Welker erschließt sie uns in unglaublicher Dichte, in atemberaubendem Tempo, mit Bildern, die aus den Schichten kommen, deren sich ein Claude Lévi-Strauß annimmt, magisches Denken, Schamanentum, Totem und Tabu. Der Zauberer am Ende nicht zufällig ein androgynes Wesen, das von eigenen Kindern träumt. Zonen, in denen Zeiten ineinander greifen, das Kinder-Ich neben dem Mann im Kinde steht. Das Ganze gepaart mit Witz und Komik. Bilder, die man nur aus Tausendundeiner eigenen Nacht kennt, dann wieder parodistische Einlagen: Der dienstbare Ringgeist als Weihnachtsmann samt Elchgefährt mit Turboantrieb, Crash im Himmelverkehr, das All ist nicht zu weit für jene Augen, die das Unsichtbare sichtbar machen. Mondkrater, von denen aus der blaue Planet den Horizont bildet. Der Saarbrücker Weihnachtsmarkt wird mal schnell auf eine Südseeinsel verlegt, wie im Traum, der Räume vermischen und versetzen kann. Eine traumhafte Inszenierung, ein Weihnachtsprogramm der besonderen Art, die sich niemand entgehen lassen sollte.

Traumhaft auch die Kostüme von Susanne Hubrich. Engelhafte Gestalten in Kleidern, die man anfassen möchte, ob sie nur in unserer Phantasie oder tatsächlich existieren, so schwebend und luzide, wie sie daher kommen. Eine Dönermutter, deren Zwiebelkleidung auch den letzten Rest an weiblicher Erotik verdeckt, die umso raffinierter im hautengen Kostüm der Prinzessin Diva erscheint. Schneemänner und Saarlandcops, detailverliebte Arbeit, in der sich eine überschäumende Kreativität ausleben darf. Stephan Prattes zeichnet verantwortlich für ein Bühnenbild, das auf imponierende Weise dem unglaublichen Drive der Inszenierung gerecht wird. Alleine, dass die Logistik hinhaut, wäre angesichts der Komplexität schon beeindruckend genug. Subtil die Videoproduktion aus dem Haus fettFilm. Momme Hinrichs und Torge Möller setzen Zeitzeichen, lassen bei Gelegenheit flimmern, wie in alten Aufnahmen, schon sind wir in den Bildern aus den Kindertagen des Films wie der eigenen Vita. Um dann wieder irre witzige Spots einzubringen, die Distanz schaffen zu einem Libretto, das nicht unbedingt im Verdacht hoher literarischer Ansprüche steht.

Gefeiert wird das Saarländische Staatsorchester unter Leitung von Thomas Peuschel. Nino Rotas Musik ist breit aufgestellt, zwischen Filmmusik, die der Dramatik und Seelenmalerei verpflichtet ist und gefälliger Opernmusik, verspielt, leicht, hell, textdienlich. Das Ganze vorzüglich intoniert. Der Chor, den Jaume Miranda einstudiert hat, und der Kinderchor - Hans-Joachim Hofmann leistet hier gute Arbeit - in außergewöhnlicher Spiellaune, angesteckt vom Festival der Sinne, gesanglich absolut harmonisch.

Das Casting erweist sich als Glücksgriff. Mickael Spadaccini, ein junger Tenor mit großem Potenzial, sichtlicher Spielfreude, dem man das Staunen abspürt, dessen Stimme über virile Geradlinigkeit verfügt, ein Aladin, der verzaubert. Man sieht, dass Welker auf die Glaubwürdigkeit bei der Rollenbesetzung besonderen Wert legt. Dämonisch, vielschichtig schillernd, mit seiner kultivierten, gebildeten, technisch vollendeten Stimme ist die Idealbesetzung Hartmut Welker. Ein Weltstar, der die Rolle des Zauberers vor jeder Eindimensionalität bewahrt. Zauberhaft, sexy, parodistisch in Höchstform zeigt sich Yitian Luan als Prinzessin Badr-al Budùr. Eine zierliche Person mit einer großen Stimme. Judith Braun mit ihrer aus tausend Stimmen herauszuhörenden feinen Färbung gibt Aladins Mutter Charakter und Profil. In den weiteren Rollen gefallen Stefan Röttig als König und Aladins Vater, Markus Jaursch als höchst vergnüglicher Ringgeist. Als Lampengeist und Freund steht János Oczowai auf der Bühne. Fjölnir Ólafsson und Miki Stojanow spielen zwei weitere Freunde Aladins. Schauspielerisch auf bereits erstaunlich hohem Niveau verkörpert Matthias Piro das Kind Aladin.

Ein Publikum, das sich einlässt. Mit lacht, mit staunt, mit träumt. Saarbrücken, wie man es kennt.