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18.10.2017 : 1:59 : +0200

Wilhelm Tell eröffnet Saison am Pfalzteather

25.09.2012

Selten gespielt, weil schwierig zu inszenieren und eine große gesangliche und musikalische Herausforderung. Frank Herkommer erlebt als Korrespondent für Opernnetz einen gelungenen Saisonauftakt.

 

Zwischen den Stühlen

Der Freiheitskampf ist gewonnen, Tell Geschichte, die Schweiz feiert sich in feinem Zwirn. Die Tafel wird hochgefahren, eine Apotheose der besonderen Art, das Fundament besteht aus Gold, das die Freiheit abgelöst hat als identitätsstiftende Größe. Eine Handvoll Aufnahme Suchender, Farbige in bunter Gewandung, wird mit brachialer Gewalt draußen und drunten gehalten. Auf den Stühlen der Schweizer ist kein Platz für sie. Das grandiose Finale einer Inszenierung, in der Stühle insgesamt eine wichtige Rolle spielen. Urs Häberli, als Berner über jeden Verdacht erhaben, mit der deutschen Kavallerie in die Alpenrepublik einfallen zu wollen, darf der Schweiz und Blocher den Spiegel der Xenophobie und latenten Alpentalabschottungsmentalität vorhalten.

Eine Oper, die nicht umsonst selten zur Aufführung kommt. Nicht, weil ihr die Qualität fehlte, im Gegenteil. Eine Herausforderung an das Orchester, das ihr auf souveräne Weise gewachsen ist, an das Sängerensemble, wenn etwa Mathilde eben noch feinste Differenzierungen im Piano vornehmen muss, um dann groß stimmlich aufzutrumpfen, im ständigen Wechsel, der einer glänzend aufgelegten Adelheid Fink ohne angestrengt zu wirken gelingt. Eine Herausforderung an den Regisseur, der die Gebrochenheit der Charaktere darstellen muss, soll das Stück nicht zur Freiheitsschmonze verkommen. Häberli zeigt sich einmal mehr als Meister der Personenführung. Seine Tableaus wirken antistatisch, trotz der Länge der Oper kommen keine Längen auf. Eine wichtige Rolle spielen Stühle. Sie stehen für den Platz im Leben, für den Einzelnen wie ein Volk. Als Gesler das Heimattal (im Bühnenbild halb Bergmassiv, halb Burg, die es zu vereinnahmen gilt) verwüsten lässt, liegen die eben noch zum Feiern genutzten Stühle als zusammengeworfener Haufen da, symbolisch für verhindertes Leben. Später werden die Aufsässigen die Stühle und damit ihr Leben wieder in die Hand nehmen, als Schutzschilder, die Beine nach vorn, vor sich herhalten. Mathilde und Arnold sitzen zwischen den Stühlen Loyalität und Liebe. Am Ende die eingangs geschilderte Szene. Man hat seinen Platz, den es zu verteidigen gilt. Nie wieder Fremdherrschaft, die Losung gegen Fremde. Der Regisseur vergisst nie das kleine Augenzwinkern, die Hochzeitsgaben Schnaps und Bügeleisen, der Pappfels, der durch seine erratische Stellung daran erinnert, man könnte auch ein Nationalepos inszenieren, das Blut, das dem armen Melcthal aus dem Mund spritzt nach dem Kopfschuss. Mit aller Gewitztheit des erfahrenen Regisseurs löst er die Apfelszene. Ein kleiner Pfeil, wie bei den modernen, chirurgischen Waffen, alle rennen nach dem Schuss los, um Tell zu beglückwünschen. Zeit, ungesehen den Pfeil zu implantieren oder den Apfel auszutauschen. Der Schwur ist ein Schwur mit erhobenen Eidfingern der Genossen. Eine geduldige Regie, die jeden das seine sagen lässt, Charaktere herausbildet, die dem großen Paar Mathilde und Arnold glaubwürdige Psychologie eingibt.

Auch Bühnenbild und Kostüme fest in Schweizer Hand. Marcel Zaba hat sich unglaublich Mühe gemacht, Sinn und Farben der Kostüme zusammen zu bringen. Die schwarzen Dirndl bleiben resistent gegenüber jeder Deutung einfach nur hässlich. Der Urschweizer darf ein grobes Leinenhemd tragen, Mathilde erscheint gut habsburgisch als Sissi-Verschnitt, die erst den steifen Spreizer aus dem Hinterteil des Rocks nimmt, als sie sich für die Liebe und gegen die Willkürherrschaft entschieden hat. Die Bühne unspektakulär, der Personenführung verpflichtet.

Das Orchester unter Leitung von GMD Uwe Sandner glänzend gelaunt, es sprudelt und tänzelt, die Instrumente gleichen Pferden, die in der Startbox ungeduldig auf ihren Einsatz warten, um dann alles zu geben, furios Klangwelten zu erzeugen. Dann wieder psychologische Farbspiele, Töne, die Charakteren und Stimmungen zuzuordnen sind, eine Klangeinheit, aus der nichts herausfällt und dennoch das Einzelne sich präsentieren kann. Sandner und sein Pfalztheaterorchester verzaubern und faszinieren, reißen mit und vereinnahmen. Ein Rossinierlebnis vom Besten.

Anton Karemidtchiev in der Titelrolle. Seinem herrlichen Bariton hört man noch an, dass der Sänger aus dem Bassbereich kommt. Sängerisch wie darstellerisch virtuos. Mathilde, ihre ganze Zerrissenheit wird in der atemberaubenden Präsenz von Adelheid Fink spürbar. Musikalische Seelenmalerei, die John Zuckerman in der Interpretation des Arnold ebenso betreibt. Eine kraftvolle Stimme, mit großer Variationsfähigkeit. Ideal für eine Rolle, die so viele Stimmungen wiedergeben muss. Gefeiert wird Monika Hügel für ihre erfrischende Darstellung des Jemmy, Tells Sohns. Katja Boost weiß die Rolle der Hedwige mit Wärme und Erfahrung in der Stimme auszufüllen. Alexis Wagner spielt Melcthal senior, sen eleganter Bass kommt in dieser Rolle gut zum Tragen. Walter Donati mit mächtiger und höchst kultivierter Stimme überragend als Fürst Walter. Wieland Sattler, neues Ensemblemitglied am Pfalztheater, ein exzellenter Gesler, dessen Baritonstimme über Schönheit und Kultiviertheit verfügt. Daniel Kim als Fischer in einem gelungenen Debüt an seinem neuen Haus, Daniel Böhm in der Rolle des Leuthold kann seinen schönen Bariton voll zur Geltung bringen, Peter Florch macht als Rodolphe aus einer Nebenrolle einen Hörgenuss. Der Chor und Extrachor meistert die gewaltige musikalische Herausforderung. Jeder Ton sitzt, die Harmonie erreicht die Grenze der Perfektion, das Spiel extrem kultiviert. Ulrich Noltes Arbeit zeigt ihre Früchte.

Das Publikum begeistert, aber jubelfaul. Jeder beschwert sich bei der anschließenden Premierenfeier, warum die anderen nicht Bravo gerufen hätten. Bayreuth-Star Susan Maclean mit Gatten Andrew Zimmermann unter dem Publikum, zeigt ihre Unterstützung für die mutige Saisonpremiere, ist äußerst angetan von der Inszenierung und der musikalischen Qualität. Gefeiert wird bis tief in die Nacht.