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Engelslieder. Ballett-Uraufführung am Pfalztheater Kaiserslautern

25.09.2012

Choräle und ein Song, die alle von Engeln erzählen, von Stefano Giannetti in Tanz und Bewegung umgesetzt, dazu das Isolde-Motiv Gottfried von Straßburgs. Beschrieben und analysiert von Frank Herkommer, Korrespondent für Opernnetz

Traumpflücker

Ein Abend, an dem die Ewigkeit die Zeit berührt. Choreograf Stefano Giannetti malt eine anrührende Huldigung an das Oszillierende in unserem Dasein auf die Werkstattbühne des Pfalztheaters. Ein Beleuchten der Grenzbezirke, in denen Mächte unsere Existenz berühren, die sich der Verfügbarkeit entziehen, wie die große Liebe. Eine Referenz an das Flüchtige, das nicht Handhabbare, das eine Ahnung von einer anderen, größeren Wirklichkeit aufkommen lässt. Mit Tanzfiguren, die die Zeit verlangsamen, leicht und schwebend, die auf das nicht zu Fassende und zu Haltende verweisen. Dann wieder Aufbegehren, Widersetzlichkeit, Gefühlseruptionen, jakobsgleiches Ringen mit Gott und seinen Engeln. Tiefe Ergriffenheit füllt den Raum, man spürt den Einbruch des Göttlichen in das Profane, verbunden mit Rilkeschem Erschrecken vor dem „stärkeren Dasein“, Engel genannt, wenn in dem Rückgriff auf das Tristan-und-Isolde-Motiv in einem ersten Gang die Liebe eines Mannes zu zwei Frauen thematisiert wird. Die Bühne fast leer, weil Engel Innenräume stiften. Vier gläserne Flügel, denen Scheinwerfer einen Schimmer vom Glanz der Ewigkeit verleihen. Im zweiten Stück erweitert um die vertikale Dimension mit einem weiteren Flügelpaar an der Theaterdecke. Das puristische Bühnenbild von Martin Reszler lässt dem Kontingenten Raum, widersteht jeder Versuchung, Bild und die gemeinte Sache zu verwechseln.

Alles beginnt, wie es endet. Bewegung pur, ohne Musik. Zwei Frauen, die hier huldreich gewähren und dort sinnlich verlocken. Die Ineinswerdung von englischer und weißer Isolde, ein atemberaubendes Bild, wenn die mit den weißen Händen und dem hellen Trikot erst unter den blauen Rock der anderen schlüpft, später die Verschmelzung, ein Kleid, das seine Zerreißprobe besteht, vier Arme aus zwei Ärmeln, zwei Köpfe aus einem Kragen, imaginierte Liebe und reale, die Grenzen verschwimmen, längst hat die Musik eingesetzt, die jetzt zu dieser Aktion aussetzt. Komponiert von Alois Bröder, seine Isôt als blanche mains, die eingespielt wird. Hochdramatisch, dann wieder elegisch, Musik, die herausfordert, die zur Entscheidung ruft. Die doppelte Isolde, eine athletische und ästhetische Offenbarung.

Eleonora Fabrizi, Laure Courau und Chris Kobusch in den Rollen der Isolde, der Isolde aux mains blanches und Tristans. Er in blauer Hose und mit nacktem Oberkörper. Die beiden Ausstatterinnen Julia Buckmiller und Barbara Kloos mit Kostümen, die die Geschichten beider Stücke verstärken, die durch ihre durchgehende Sachlichkeit bestechen. Nur Jan Paul Werge, Komponist, Sänger und einbezogen in die Choreografie, darf ein androgynes Kordelgeflecht um den Hals tragen. Engel haben kein Geschlecht. Gianetti lässt seine Company Gesichter auflegen, denen die Wehmut über die Unentrinnbarkeit anzusehen ist und die Ernsthaftigkeit, die der großen Liebe anhaftet. Kein süßliches Lächeln überdeckt die Krisis, in die die Gefühle sie führen. Hebefiguren, die Kobusch alle Kraft abverlangen, ohne dass ihm die Anstrengung anzumerken wäre. Körpersprache bei allen drei TänzerInnen, die von einer Anmut und einer Metaphorik geprägt ist, der alles Gekünstelte, Gewollte abgeht. Am Ende rufen Engelsstimmen, alles bleibt offen, in der Schwebe. Ein verstörend schönes Balletterlebnis.

Im zweiten Stück, den Engelsliedern, tritt die ganze Company auf: Flavia Samper, Letizia Cirri,Kai Tanaka, Salvatore Nicolosi,Laure Courau, Eleonora Fabrizi, Gabriella Limatola, Elénore Turri, Daniel Abbruzzese, Michal Dousa, Riccardo Marchiori und Chris Kobusch. Dass zwei Neue in der Company integriert sind, fällt im positiven Sinn nicht auf. Immer mehr wird die Handschrift Giannettis sichtbar, die bestechende Harmonie, die feine Abstimmung, die ästhetische Reife. Komponist Jan Paul Werge, als Thomaner sozialisiert, hat sich zur Grundlage seiner kompositorischen Eingriffe den Choral Ach Herr, lass dein lieb Englein von Johann Sebastian Bach ausgesucht, dazu Der Herr hat seinen Engeln befohlen über dir von Felix Mendelssohn Bartholdy, Aus des Meeres tiefem, tiefem Grunde von Johannes Brahms, aus Mozarts Requiem die Höllenvision und von Billy Joel den Song Goodnight, My Angel. Letzteren eingebettet in das Andersen - Märchen Jedes Mal, wenn ein Kind stirbt. Andersen lässt von den Engeln die Träume pflücken, Giannetti und seine Company bringen sie gemeinsam mit Jan Paul Werge auf die Bühne. Bei allen Neukompositionen bleiben die ursprünglichen Melodien heraus zu hören. Sämtliche Singstimmen sind von Werge aufgenommen, eine erstaunliche Bandbreite, höchste Höhen, um dann live und souverän die letzte fehlende Stimme zu intonieren. Ein Sänger, der tänzerisch mehr beherrscht als nur den Aplomb.

Das Publikum lässt sich spürbar in den Bann schlagen. Begeisterter, sehr langer Beifall. Dieses Stück wird unvergesslich bleiben. Und es wird schnell für alle Vorstellungen ausverkauft sein.