Sie sind hier: Publikationen
18.12.2017 : 2:07 : +0100

Die Entführung aus dem Serail- Saisonpremiere am SST

17.09.2012

Nicht immer gewinnt eine Oper durch dramaturgische Eingriffe. Wie gut, dass der geniale Mozart auch so seine Faszination entfaltet, wenn Orchester, Dirigent und SängerInnen überzeugen. Wie in Saarbrücken, wo Korrespondent Frank Herkommer für Opernnetz dabei war

Unfreiwilliges Singspiel

Olivier Tambosi, dem Saarbrücker Publikum noch in bester Erinnerung mit seiner Otello-Inszenierung, hat sich so viele kluge Gedanken gemacht. Leider nicht die über Kommunikation mit den Theaterbesuchern. Gemeinsam mit seiner Co-Regisseurin, „Konstanze“ Christiane Boesiger, reflektiert er über Freiheit und Verantwortung, die Geschlechterrollen, offene Beziehungen und Fetischcharakter, über Tradition und Autonomie, über das Verhältnis von Sein und Bewusstsein. Mit dem Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen Herrschaftsstrukturen und religiösem Überbau, dem Absolutismus korreliert der patriarchalische Gott. Das Regieteam reflektiert Soteriologie in ihrer säkularen Ausgabe, wie sie in der Überfrachtung von Beziehungen mit Heilserwartungen zum Ausdruck kommt. Ein Regieansatz mit dem Ziel, das Konstrukt eines Deus ex machina zu eskamotieren. Der götterstürzende Prometheus schlüpft in die Gestalt von zwei Frauen auf Augenhöhe, die ihre eigene Entführung inszenieren. Bassa Selims Stuhl bleibt leer. Tambosi und Boesinger setzen lieber auf Simone de Beauvoir. Die bürgerliche Ehe erscheint als Institut der Domestizierung, der bereits die kleinen Mädchen unterworfen werden, die verstört und traurig im Brautkleid auf der Bühne erscheinen, obwohl sie lieber weiter juchzend auf dem Leiterwagen säßen und Konfetti verstreuten. Osmin legt das unbarmherzige Maß an, was aus den Kleinen einmal werden soll, Brauttüll fließt aus seiner Nähmaschine über den schrägen Holzboden, Liebe als Konfektionsware. Die Männer tragen gelegentlich Brautkleider, die Botschaft ist klar: Die klassischen Rollen müssen überwunden werden, wenn Liebe auch Männern möglich sein soll. Der Janitscharenchor besteht aus dem armen Pedrillo, und der wird nach der ersten Zeile zum Schweigen gebracht. Der Versuch, den Wächter trunken zu machen, gerät zum abgründigen Bacchanal. Aus dem Mozartschen Liebhaber wird der potenzielle Vergewaltiger. Gott und der Pascha existieren a se nicht. Die Konklusio, die zum sapere aude und zur ars amandi einlädt. Viele liebevoll umgesetzte Details, die trotzdem kein Ganzes ergeben wollen.

Mozart wäre schon schwierig genug. Ihn so zu inszenieren, dass eine Geschichte erzählt wird. Säße jemand im Publikum, der die Geschichte nicht kennt, er ginge mit dem selben Wissensstand wieder nach Hause. Hin und wieder würde er sich wundern, wovon die Arien und Rezitative erzählen. Nicht von dem auf jeden Fall, was auf der Bühne zu sehen ist. Derart dekonstruiert, ergibt sich auf der Metaebene wieder kein homogenes Ganzes. Die vielen Details, die Zwischentexte, die subtilen Botschaften, sie setzen eine gründliche vorausgehende Auseinandersetzung mit dem Stoff voraus. So verpuffen viele der Einfälle, stehen erratisch im Raum, bleiben unverstanden, weil undurchsichtig. Dem Opernbesucher fehlt einfach die vorlaufende Zeit zu Reflektion, Information und zum Diskurs, die den Regisseuren zur Verfügung stand. Leicht nervig wirkt die ständige An- und Auszieherei. Überflüssig das gewollt versagende Mikro, die Sterne, die erst auf Zuruf strahlen, als ob es an Verfremdungen gefehlt hätte.

Das alles macht aber gar nichts. List der Geschichte, würde Hegel sagen. Das Singspiel wird wieder zum puren Singspiel. Zur Aneinanderreihung genießenswerter musikalischer Stücke. So viel Verwirrung können Tambosi und Boesinger gar nicht stiften, die intellektuelle Überfrachtung führt zu einer erfrischenden Simplifikation: Alles konzentriert sich auf den Hörgenuss eines großartig aufspielenden Staatsorchesters, die wunderbaren Stimmen und das lustvolle Spiel um des Spieles willen der fünf Protagonisten. Sie alleine sind es schon allemal wert, die Saarbrücker Inszenierung zu besuchen.

Die äußerst ansehnlichen Kostüme von Caria Caminati chargieren zwischen zeitgenössisch und zeitlos, mit viel Farbsymbolik. Das Bühnenbild von Andreas Wilkens visualisiert gekonnt den Regieansatz. Ein Bühnenbildner mit einer eigenen Handschrift, Anbauten leichter Hand, der die Verengung des Raumes ebenso beherrscht wie das pars pro toto, das Fragmentarische, das Symbolische.

Zum Gelingen des Abends also trägt entscheidend das Saarländische Staatsorchester bei. Die ganze Breite der Emotionen, die Abgründigkeiten und Frivolitäten, die Lust und die Bösartigkeit, Sehnsüchte und Verspieltheiten, die Leichtigkeit und die Ernsthaftigkeit der Komposition, Alexander Drcar bringt sie zum Erklingen. So kann die Oper doch noch „gelesen“ werden.

Christiane Boesiger in der Rolle der Konstanze zeigt, warum sie zu den großen Mozartsängerinnen unserer Zeit gehört. Eine unverwechselbare, in den Bann schlagende Stimmfärbung, der Sopran charaktervoll, die Höhen mühelos. Gefeiert wird an diesem Abend besonders Sofia Fomina, eine Blonde, die im Prolog als Prototypin der gewitzten Osteuropäerin in deutschen Haushalten erscheint, wo die Fronten verschwimmen, wer wen ausbeutet. Ihre jubelnde, betörende, technisch brillante Stimme verzückt das Publikum. Saarbrücken weiß, was es an ihr hat. Algirdas Drevinskas verfügt nicht unbedingt über eine geborene Mozartstimme, umso beeindruckender seine Interpretation des Belmonte. Zugreifend, viril, ausdrucksstark. János Ocvsovai singt bravourös, eine Stimme mit Glanz, Ausstrahlung und verschmitzter Erotik, die einem Pedrillo angemessen ist. Was für ein Osmin! Der Zorn und die Rachsucht, in seiner mächtigen Stimme stehen sie apodiktisch im Raum. Hiroshi Matsui, technisch vollendet, im Ausdruck Respekt erheischend, Idealbesetzung. Ein Gesangsensemble, das höchsten Ansprüchen genügt.

Das Saarbrücker Publikum, das für seine wohlwollende Aufnahme auch experimenteller Inszenierungen bekannt ist, für seine Höflichkeit und Toleranz, feiert Orchester, Dirigat und SängerInnen. Um in selten gesehener Einmütigkeit das Regieteam auszubuhen. Die Höflicheren unterlassen den Beifall. Tosend der Applaus für die Musiker, ob Orchester oder SängerInnen. Ein guter Saisoneinstand, darin ist man sich einig, ist es trotzdem.