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Stadtgesichter- Reportage über das Wohnheim St. Martin in Landstuhl

09.02.2009

St. Martin ist eine Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderungen in Landstuhl in der Pfalz. Jürgen Groht gehört zu den ersten Bewohnern. Frank Herkommer zeigt, wie Menschen mit Behinderungen Ihre Würde behalten dürfen.

Stadtgesichter


St. Martin- Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderungen in Landstuhl


Besuch bei Jürgen Groth. Die Tür zu seinem Zimmer öffnet der 51jährige selbst. Wenn es sein muss, tragen ihn die teilweise tauben Füsse bis in die nahe Innenstadt von Landstuhl. Im Sommer gerne auf ein Eis in sein Stammcafé, ohne Begleitung durch eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter, wie er nicht ohne Stolz bemerkt. Und um die Türklinke zu bedienen, reicht auch die eine funktionstüchtige linke Hand. Erstaunt registriert der Besucher eine penible Ordnung. Alles hat seinen Platz, nichts wirkt überladen. Die Schuhe stehen parallel, dass jeder Spieß seine Freude daran hätte. Die Abstände zwischen den verschiedenen Fernbedienungen wie mit dem Lineal vermessen. Seine Ordnung, von ihm geschaffen, von ihm gehalten. Auf alles, was nur im Entferntesten nach Bevormundung oder Entmündigung riecht, reagiert der gebürtige Lauterer allergisch. Er ist kein Kind, und er möchte auch nicht so behandelt werden. Er weiß um seine Handycaps, körperlich wie geistig, dass er auf Hilfe angewiesen ist und schätzt darum das Leben in St. Martin, aber ausgrenzen lässt er sich ungern. Er ist kein Behinderter, sondern ein Mensch mit Behinderungen. Er ist Jürgen. Und für Fremde Herr Groth. Ob Fernsehgerät oder DVD- und CD- Player, HiFi-Turm und seit neuestem ein Laptop- alles vorhanden. Jürgen liebt Musik in ihrer ganzen Bandbreite, mal klassisch, mal Hard-Rock. Seine CD- Sammlung ist ebenso legendär wie die Auswahl an DVDs. Alles systematisch eingeordnet. Immer topp aktualisiert. Dafür sorgt schon seine Schwester Susanne, die wöchentlich zu Besuch kommt und seine Kaufwünsche im Rahmen des ihm zustehenden Taschengeldes erfüllt.

Am 4. Februar feierte er Jubiläum: Genau vor 25 Jahren beschloss der damals 26jährige, erwachsen und darum selbständig zu leben, sein Elternhaus in Kaiserslautern zu verlassen und in das Heim für Körperbehinderte zu ziehen. Da war die Einrichtung gerade mal ein gutes Jahr in Betrieb. Heute steht das Haus längst für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen offen. Zwanzig Jahre seines Lebens arbeitete Jürgen in den Westpfalz- Werkstätten, erst in Ramstein, später in Landstuhl. Bis ihn sein Gesundheitszustand zwingt, seine Arbeit in der Elektromontage aufzugeben und 1999 die Rente zu beantragen.


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Alle arbeiten, die hier leben, bis auf die mittlerweile gute Handvoll Rentnerinnen und Rentner unter den 37 Heimbewohnern, in einer gemischten Einrichtung, für Frauen und Männer, die Jüngste 31, die Älteste im Haus 72 Jahre alt. Überalterung und damit ein höherer Pflegeaufwand, so Heimleiter Hubert Paulus, wird zunehmend auch ein Problem in St. Martin. Weil die Sozialämter seit einigen Jahren die kostengünstigere Variante bevorzugen, Menschen mit Behinderungen in den Familien zu belassen. Zur Wohneinrichtung gehören noch ein Nebengebäude, ein Außenwohngruppe in Ramstein-Miesenbach sowie Betreutes Wohnen. Die meisten der 320 Arbeitsplätze bei den Westpfalz- Werkstätten bekommen ihre Aufträge von der Autoindustrie. Fachkräfte vom Elektriker über den Schreinermeister bis zum Werkzeugmacher teilen sich mit sozialpädagogischem Fachpersonal die begleitende Betreuung. Der Verdienst landet eins zu eins bei den arbeitenden Menschen. Immerhin muss oder darf die Kleidung selbst gekauft werden. Niemand wird zuhause bleiben müssen, wenn in Folge der sich abzeichnenden Wirtschaftskrise die Aufträge weniger werden oder ganz ausfallen. Dafür sorgt die vorbildliche Sozialgesetzgebung in Deutschland, mit dem Recht auf Beschäftigung im Rahmen der Eingliederungshilfe.


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Der Tag beginnt früh in St. Martin. Die ersten Wecker auf den drei Wohngruppen beenden um 5.30 Uhr den Schlaf. Auf Namensgebung der Gruppen wie in einem Kindergarten hat man bewusst und auf Wunsch der Bewohner verzichtet. Paulus spricht vom mündigen geistig behinderten Menschen, mit seinem feinen Gespür für Herablassung und mangelnden Respekt. Bis zum Besteigen der Busse ab 7 Uhr 20 bleibt genügend Zeit für die Körperpflege, Duschen und das Frühstück. Für die zurück bleibenden Rentner und Kranken bietet eine Mitarbeiterin kreative Freizeitgestaltung an, von Mensch-ärger-dich-nicht bis zu Spaziergängen in der Stadt. Das Mittagessen wird gemeinsam eingenommen, wie Kaffee und Abendbrot, wenn alle spätestens um 16 Uhr wieder im Haus sind. Wer den ganzen Tag im Rollstuhl gesessen hat, ist froh, gegen halb sieben endlich liegen zu dürfen. Viele der Bewohner ziehen sich nach der 18Uhr- Mahlzeit auf ihr Zimmer zurück, in die nach dem Fernsehapparat längst Computer Einzug gehalten haben. Andere nehmen das Angebot zu Spiel und gemeinsamem Fernsehschauen an. 16 Frauen teilen sich den Betreuungsdienst mit acht Männern, wobei insgesamt 40 Mitarbeiter von der Verwaltung über die Hauswirtschaft bis zu den sozialpädagogischen Berufen sich 24 Stellen teilen, dazu kommen Auszubildende, Praktikanten und junge Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr. Oft über die vorgeschriebene Zeit hinaus am Feierabend und an Wochenenden bei „ihren“ Heimbewohnern. Das St. Martinsheim hat den katholischen Caritasverband zum Träger. Im Haus herrscht eine liebevolle Atmosphäre voller Toleranz und Zuwendung. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die an ihren Taten, nicht an bloßen Worten gemessen werden wollen.

Das Angebot am Wochenende reicht von der fakultativen Gottesdienstgruppe über Busausflüge (Sponsoren für einen neuen Kleinbus werden dringend gesucht), Spaziergänge, Spiele, Kinobesuche, Eisessen und Teilnahme an Veranstaltungen in der Stadthalle bis zum Besuch auf dem Betze. Mit Rollstuhl und Fanschal. Wohin man schaut, die roten Teufel und ihre Devotionalien sind allgegenwärtig. Hier möchte man kein Bayernfan sein.

Im Sommer geht es auf große Fahrt. In den letzten Jahren gehörten die Türkei und Griechenland zu den Urlaubszielen. Einschließlich swimming pool und Massage. Wohltuende Normalität auch in dieser Hinsicht.


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Jürgen fährt nicht mit in die Urlaube. Er verwendet sein Geld lieber für seine große Leidenschaft: Musiktheater im allgemeinen, Oper im Besonderen. Die Ferien verlebt er bei seiner Schwester Susanne in Kaiserslautern, selbst eine große Theaterfreundin. Für Oper und Konzert legt er seinen geliebten Jogginganzug ab und wirft sich in Schale. Wie vor einem gute Jahr, als Weltstar Vesselina Kasarova in der Fruchthalle Kaiserslautern gastiert, er ein Autogramm bei der Mezzosopranistin holt und sie sich bei ihm für den Besuch ihres Konzertes bedankt. Wenn Jürgen im Pfalztheater Kaiserslautern der Premierenfeier bei einem Glas Cola oder mal einem Riesling beiwohnt, gehört er auch in Kaiserslautern zu den Stadtgesichtern.


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Stadtnah will man mit St. Martin sein. Zu dem Gesicht der Stadt gehören die Gesichter aus dem St. Martinsheim. Wenn sich die Stärke einer Gesellschaft in ihrem Umgang mit den Schwächeren erweist, dann ist Landstuhl eine wahrlich starke Stadt.


Frank Herkommer

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