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Else- Laske- Schüler- Stückepreis 2009: "Tank"

09.02.2009

Frank Herkommer schreibt für "Willi-Magazin" die Theaterkritik in seiner Kolumne: "Mein starkes Stück" über eine gelungene Uraufführung unter den Titel: "Alles kann ganz anders sein"

 

Mein starkes Stück: Tank


Alles kann auch anders sein


Wenn immer es geht, meide ich Stücke, die einen Preis bekommen und (nur) darum zur Aufführung gelangen. Irgendwie kommst du dir vor wie ein Versuchskaninchen. Den Autoren kennen meist nur die Insider, dich beschleicht spätestens nach zehn Minuten das ungute Gefühl, der oder die übte noch. Experimente mit allen Formen und Mätzchen der letzten zwanzig Jahre, meist ein low budget - Bühnenbild, man/frau hat ja so viel zu sagen, dass alles in dieses eine Stück gepackt wird. Vieles angedacht, nichts zu Ende. Von einer Jury zum Gewinner erklärt mit der Transparenz eines Politbüros. So gestimmt, mache ich mich auf den Weg zur Werkstattbühne des Pfalztheaters. Ich hasse Zeitraub, für mich das schlimmste aller Eigentumsdelikte. Wie gut, dass „Tank“ wie Tankred ohne Pause durchgespielt wird. Sollten sich meine Negativerwartungen erfüllen, waren es nur 80 Minuten verlorene Zeit.

Almut Baumgarten heißt die mit dem Else-Lasker-Schüler-Stückepreis belohnte Autorin, 39 Jahre jung, das Gesicht auf dem Programmflyer erzählt von Nachdenklichkeit, Einfühlungsvermögen und Klugheit. Leise Hoffnung keimt auf.

Das Bühnenbild (verantwortlich Dorothee Curio) bereits eine Einladung zum Denksport. An der Decke ein Sammelsurium von Alltagsgegenständen, denen Gewalt angetan wurde. Zerschlagenes und aus den Fugen Geratenes, aus dem Zusammenhang Gerissenes und -in seine Einzelteile zerlegt- aus seinem Sinngefüge Entnommenes. Oben, wo die Ratio zu Hause sein sollte, haben längst Bilder der Zerstörung unser Bewusstsein durchsetzt. Eine Wand quer durch den Bühnenraum, auf der sich der spießbürgerliche Haushalt einer Ein-Kind-Familie widerspiegelt, manches grotesk vergrößert, der eigne, Goldes werte Herd auf der perspektivischen Kippe, pseudoheile Welt mit Durchbrechungen. Menschen, die wie Bergsteiger die Bodenhaftung verloren haben, an der (Wohn-)Wand hängen und keiner weiß, ob ihr Zustand Aufstieg oder Abstieg bedeutet. Heidegger lässt grüßen, kein Wunder, hat die Baumgarten doch in Freiburg Philosophie studiert. Und unten sitzt Tank, richtet die Videokamera auf sich und erlebt sich selbst wie im Webcam. Die glatte Wirklichkeit des Familienlebens aufgerissen, ein Loch in der Wohnzimmerwand wie nach einer Protubation dient als Projektionsfläche. Der doppelte Tank. Was nicht in Bildern festgehalten wird, existiert nicht. Nicht einmal man selbst. Alles wird in diesem Stück festgehalten. Wenn sich der lendenstarke Jungmann (ideal besetzt mit Björn Büchner) abwechselnd die Zwillinge Minni und Lizzi vornimmt, die jeweils Unbeteiligte nimmt den Quicky mit der Handykamera auf. Der Akt ohne Worte, wie damals bei Bergmann in seinem „Schweigen“. Mord und Totschlag, was nicht im Bild ist, bleibt bloße Geschichte. Die Übereinstimmung zwischen Wahrnehmung(Intellekt) und Sache wird gestiftet durch das Medium Bild.

Descartes: Ich denke, also bin ich. Baumgarten: Ich füge Schmerz zu, also bin ich. Davon erzählt die Geschichte eines jugendlichen Trio infernale. Weit mehr als nur eine Auseinandersetzung mit Jugendgewalt. Um sich dagegen abzugrenzen, imitiert die Dramatikerin nicht Jugendsprache oder Hartz-IV-Slang, ihre Figuren pflegen durchgehend eine gehobene Sprache, deren eindringliche Schönheit die Beschädigungen ihrer Sprecher umso schärfer hervortreten lässt. Den ganzen Schwung der Handlung und ihre Atem stocken machende Abgründigkeit gekonnt aufgenommen von Regisseur Thilo Voggenreiter, unterstützt von Dramaturg Axel Gade.

Tank wie Tankred, geliebt von der Mutter, als Versager und Verweigerer vom Vater beschimpft und abgelehnt, so stereotyp, dass der Junge wie die Mutter jeden Satz mitsprechen können. Meisterlich, wie Büchner die kühle Distanziertheit rüber bringt, in der urplötzlich ein Ausdruck von Kränkung, Unverstandensein und Demütigung aufblitzt, um sofort wieder unter Kontrolle gebracht zu werden. Der Vater, vom Zeugungsakt angeekelter Kopulationsverweigerer mit autistisch-narzistischen Zügen, der sich in die Welt der Eigenkörperlichkeit flüchtet. Jogging als Heilsweg. Er rennt erst für sein Leben gern, dann um sein Leben. Seine Unfähigkeit, Menschen anzusprechen, bringt Rainer Furch beklemmend zum Ausdruck. Hannelore Bähr spielt in großer Sensibilität eine Mutter, die sich zu trösten weiß bei einem Liebhaber, deren unbedingte Loyalität jeden Verrat übersteht (immerhin filmt Tank sie heimlich mit ihrem Liebhaber in der Hundestellung, Kopie an den ahnungslosen Vater), die ihren erlittenen Schmerz über klammheimliche Komplizenschaft und offene Anstiftung weiter gibt (selbst der arme, ungeliebte, geruchsfreie Hund muss am Ende dran glauben). Den Bilderbuch-Laschi-Lehrer mit Indianerschmuck und 68er- Pulli mimt Henning Kohne, der nicht einmal begreift, was mit ihm passiert ist, als er auf dem Schulhof angerempelt und in die Seite gestochen wird, um einen Film dieser Tat in Umlauf zu bringen. Wunderbar, wie Kohne einen auf Naiven macht, bei dem man nie weiß, ob er nicht sehen kann oder nicht sehen will. Absolut geil die Zwillinge: Brigitte Urhausen als Minni, Sara Nunius als ihre Schwester Lizzi. Girly und Grufty. Beide von Dorothee Curio in sexy Klamotten gesteckt. Wie Yin und Yang. Die eine zart hell, die andere in schwarz. Doch unter der schönen Fassade lauert der Tod. Stahlrohr im Schaft, das Messer unter dem Rock. Beiden Brigitte Urhausen wie Sara Nunius, gelingt der Tanz auf der Klinge, abstoßend, verstörend und zugleich Mitleid erheischend aufzutreten. Großes Schauspiel! Während Männer ihrer Ansicht nach brutal töten, unkreativ und zerstörerisch, zeichnen sie ihren Opfern Ornamente in die aufgeschlitzte Haut. Sie schaffen ein Kunstwerk, was ihnen Distanz und erbarmungslose Gefühlskälte erlaubt. Der Schmerz juckt in den Fingern und er muss raus. Gewalt als Ausfluß eines gewaltigen Schmerzpotentials, so deutet Almut Baumgarten nicht nur Jugendgewalt.

Nichts ist wie es den ersten Anschein hat. Alles hinter den Bildern kann auch anders sein.
Wie? Schon achtzig Minuten vorüber? Ich hätte noch Stunden lang zuschauen können. Tief beeindruckend. Gehen Sie schnell noch rein! Von der Frau wird man noch mehr hören.

 

 

Ihr Kulturbeutel Frank Herkommer

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