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Frank Herkommer interviewt Pfarrer Norbert Kaiser

30.04.2008

Er gilt als eine der herausragenden Persönlichkeiten unter den katholischen Priestern Deutschlands- Frank Herkommer durfte für WILLI- Magazin dieses Gespräch mit Norbert Kaiser führen- hier ungekürzt

Willi:

Kirchen, die entweiht werden, Pfarrstellen, die zusammen gelegt werden. Wie verändert der Priestermangel die Gemeinden vor Ort im Pfarrverband Kaiserslautern, quantitativ und qualitativ?


Pfarrer Norbert Kaiser:

Mit jeder Steuerreform sind die Einnahmen aus der Kirchensteuer geringer geworden. Bekanntlich beträgt der Kirchensteuersatz zur Zeit 9 % der Lohn- bzw. Einkommenssteuer.

Seit Jahren sind die Kirchensteuereinnahmen rückläufig, während die Preise und Personalkosten steigen.

Der Haushalt unserer Diözese konnte seit einigen Jahren nicht mehr ausgeglichen werden; der Griff auf die Rücklagen war notwendig geworden. Wer aber regelmäßig von den Rück-lagen lebt, ist bald am Ende angelangt.

Jeder Steuerberater ist verpflichtet, seinen Klienten Wege der Steuerersparnis aufzuzeigen. Kirchenaustritt ist die bequemste Art der Steuerersparnis. Die Kirchenaustrittswelle der letzten Jahrzehnte hatte oft finanzielle Gründe: Für den Normalverdiener – um die Schulden beim Hausbau begleichen zu können oder sich einen gewissen Wohlstand zu sichern oder ... Für Großverdiener – um den Besitz zu vermehren.

Im allgemeinen herrscht bei vielen Verstimmung über Entwicklungen in der Kirche. Im Jahre 2007 sind in der Diözese Speyer 2174 Personen aus der Kirche ausgetreten.


Ich persönlich bin der Überzeugung, man sollte die Kirchensteuer streichen. An ihre Stelle müsste eine „Kultur- und Sozialsteuer“ zum gleichen Steuersatz eingeführt werden. Jeder Steuerzahler könnte dann entscheiden, wohin seine Steuer fließen soll. Und im übrigen könnten vor allem die „Steuerflüchtigen“ sich nicht aus ihrer Verantwortung für das Gemeinwohl herausnehmen.


Die bittere Konsequenz dieser finanziellen Entwicklung bekommen wir zu spüren. Kirchengemeinden müssen sich von Immobilien – auch von Kirchengebäuden – trennen.

Es kommt zum Abriss oder Verkauf (in Kaiserslautern waren betroffen: Pfarrkirche und Pfarrhaus der Pfarreien Hl. Kreuz und Christkönig).


Zur finanziellen Misere kommt das personelle Problem: Das betrifft den Priestermangel, der sich in den nächsten Jahrzehnten noch erheblich vergrößern wird: Die starken Jahrgänge brechen mit Erreichung der Altersgrenze weg; die Zahlen der Neupriester sind seit Jahren auf niedrigstem Niveau. Werfen wir einen Blick auf die Verhältnisse in Kaiserslautern: Als ich 1975 nach Kaiserslautern, in die Pfarrei St. Martin, kam, gab es in der Stadt 10 Pfarrer und 3 Kapläne. Heute sind es noch 5 Pfarrer und 1 Kaplan. Diesen „Aderlass“ können die 5 Gemeinde- bzw. PastoralreferentInnen nicht auffangen.

Organisatorisch lässt sich diese „Mangelverwaltung“ ganz einfach lösen: In Zukunft gibt es in unserer Stadt noch 4 Pfarreiengemeinschaften für insgesamt ca. 35.000 Katholiken. Auf die Frage nach der Qualität der Seelsorge wage ich keine Antwort zu geben. Die Qualität muss – notgedrungen – eine andere und eine geringere sein.


Willi:

Die angeblich so reiche Katholische Kirche kurz vor dem Bankrott? Stehen soziale Einrichtungen der Kirche in Kaiserslautern vor der Schließung? Welche Aufgaben wird sich das Dekanat künftig noch leisten können, welche nicht mehr?


Pfarrer Norbert Kaiser:

Was heißt „reiche Kirche“?! Allen Pfarreien in unserer Stadt steht finanziell das Wasser am Hals. Die Situation wird sich unter den gegebenen Voraussetzungen nicht zum Positiven ändern. Denn, es ist vor allem die ältere Generation, die durch ihre Spenden die klaffenden Lücken „zukleistert“. In 10 Jahren – dazu kommen die sinkenden Zahlen der Gottesdienst-besucher – wird sich das Spendenaufkommen rapide vermindern. Im übrigen sind es 60 – 80 Pfarreien (von insgesamt 345) unserer Diözese, die „insolvent“ sind. Die Kirchengebäude zu verkaufen, das löscht die Schulden, löst aber nicht die Probleme, sondern schafft neue.


Alle kirchlichen Einrichtungen unserer Stadt stehen in Zukunft auf dem Prüfstand:

Ob Kindergärten oder Sozialstation, ob Caritas oder Beratungsstellen. Ich weiß nicht, wohin am Ende der Zug (noch) fährt; ich weiß nur – um im Bild zu bleiben – es müssen Wagen abgehängt und Gleise stillgelegt werden.


In kirchlichen Kreisen gibt es Bestrebungen, sich auf das sogenannte „Kerngeschäft“ zurückzuziehen. Darunter wird verstanden: Feier der Gottesdienste und Sakramenten-spendung, geistliches Leben und Frömmigkeit pflegen ...

Wenn dieser Trend sich durchsetzen sollte, dann kann ich nur sagen: „Arme Kirche“!

Denn Kirche ist – wie Jesus es gelebt hat – dazu da, zu den Menschen hinzugehen, bei den Menschen zu sein und mit ihnen das Leben zu teilen. Das heißt: Kirche muss im Leben der Menschen vorkommen – und nicht: die Menschen müssen zur Kirche herkommen.



Die „Kirche der Zukunft“? Sie wird eine andere sein – sie wird eine kleinere sein. Überlegen Sie nur einmal bei sich selbst: Wie viele Getaufte stehen heute schon unbeteiligt neben ihrer Kirche!? Wie viele oder wie wenige werden in baldiger Zukunft noch getauft werden!? Eine „Schrumpfkirche“ – mit weniger Einfluss, weniger Macht, weniger Möglichkeiten; weniger geachtet, weniger beachtet, weniger gesucht, weniger gefragt, weniger gewollt.



Kirche – hoffnungslos? Der größte katholische Theologe des 2. Jahrhunderts, Karl Rahner, hat einmal gesagt: „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein – einer der etwas erfahren hat – oder er wird nicht mehr sein.“ Diesem Wort nachgebildet bin ich der Überzeugung: Die Kirche der Zukunft wird eine Gemeinschaft der „Erfahrenen“ sein – kleine Anzahl (viel kleiner?), von im Glauben überzeugter Menschen. Sie werden engagiert zu ihrem Glauben stehen, den Glauben leben im Dienst an den Menschen – allerdings in kleineren „Räumen“ und mit bescheideneren Möglichkeiten. Aber, es wird sie ehren, Christ zu sein.

Willi: Kommt die Kirche ihrer Fürsorgepflicht gegenüber ihren Priestern nach, wenn sie die Sieben-Tage-Woche mit oft 14-,16-Stundentagen erwartet und dabei den Frust zulässt, dass für die Seelsorge an Menschen in Not immer weniger Zeitraum bleibt? Wo tanken Sie persönlich Kraft für diese Sissiphusarbeit? Und werden Sie noch das Ende des Zölibats und die ersten Frauen im Priesteramt erleben?


Pfarrer Norbert Kaiser:


Ich frage nicht nach der „Fürsorgepflicht“. Ich habe für mich selber zu sorgen und mein Leben selbst zu verantworten. „Ich bin nicht Diener der Kirche, sondern Diener Jesu Christi in der Kirche.“ Dieser Satz – vor 23 Jahren gelesen – ist meine persönliche Einstellung geworden.

Die Arbeitsstundenzahl, die Sie genannt haben, stimmt. Sie „von oben“ einzufordern, ist unmenschlich; sie von selbst zu erbringen, ist persönliche Einstellung und damit eine Frage der Motivation. Ich beginne meinen Tag mit einer Stunde Gebet und Meditation am frühen Morgen. Das gibt mir Kraft. - Im übrigen habe ich in all den Jahren (ich bin jetzt 41 Jahre Priester) erfahren: Indem ich gebe, regeneriere ich. Es ist so wie beim 1. FCK: Ein Spieler, der sich schont, ist schwach. Nur, unser „Spiel“ dauert länger als 90 Minuten und länger als eine Saison.



Ich erfahre immer wieder, dass Menschen den Priester brauchen, und ich gebe mich mit dem, was ich bin und kann. Ich mühe mich, dass ich eine Hilfe für die Menschen bin, ein Weggefährte in ihren Freuden und Leiden und in ihrer Trauer.



Natürlich ist der Zölibat (die Ehelosigkeit) ein Hemmschuh für viele, den Beruf zu ergreifen oder in diesem Beruf zu bleiben. Der Pflicht-Zölibat ist ein rein kirchliches Gebot und kirchliche Tradition – als solches auch ein Machtinstrument. Da gibt es kuriose Klimmzüge: Wenn z. B. ein protestantischer Pfarrer katholisch wird, kann er, wenn er will, Priester werden und weiter verheiratet leben. Ein anderes Beispiel: In den letzten Jahren wurden vor allem zahlreiche anglikanische, verheiratete Pfarrer von unserer Kirche aufgenommen und in Dienst gestellt. Sie waren mit den Entwicklungen in ihrer Kirche nicht einverstanden. Da fragt sich jeder denkende Mensch: Warum geht es da und dort geht es nicht?



Zu diskutieren und zu argumentieren nützt nichts – ändert nichts. In diesem Punkt ist unsere Kirche – wie in einigen anderen Punkten – festgefahren. Da könnte nur ein Reformpapst gemeinsam mit Reformbischöfen heraus helfen. Das Ende des Pflichtzölibats werde ich nicht mehr erleben, aber es kommt – zu spät? Die Priesterweihe von Frauen? – daran ist noch lange nicht zu denken. Die Mauern sind fest und hoch.


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