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Willi-Kolumne April 08: Don Pasquale im Pfalztheater

03.04.2008

Jeden Monat im Willi- Magazin: Frank Herkommer als Kulturbeutel beschreibt sein "starkes Stück"- in diesem Monat Mareike Zimmermanns Mafia- Opus "Don Pasquale" von Donizetti

„Was ist das?“ fragt meine Stammgarderobiere erstaunt, als ich ihr den Fünf- Euro- Schein unauffällig über die Theke schiebe. „Schutzgeld für meinen Mantel!“, flüstere ich. Sie versteht und steckt ohne eine Miene zu verziehen ein. Verstohlen blicke ich um mich. Steht da nicht die Regisseurin Mareike Zimmermann? Wer sie so sieht, das charmante Lächeln, die hellwachen Augen, der ahnt nicht,was sich hinter den feinen Zügen verbirgt: Die Patin vom Pfalztheater!

Nervös steure ich auf meinen Abositz zu. Man weiß ja nie, ob nicht auf dem Schwarzmarkt mein gefaketes Ticket noch einmal verkauft wurde, und ich kann dann sehen, wie ich den Falschsitzer verscheuche.

Italienische Oper! Donizetti! Don Pasquale. Musik wie Asti Spumante. Mit Feuer wie ein Glas Barolo, in die Sonne gehalten. Farbig wie der Carnevale di Venezia. Mit einem Dirigenten, so schön wie von Aschenbach in Thomas Manns „Tod in Venedig“. Als sei er direkt aus dem Visconti-Film entsprungen, Andreas Hotz, das Wunderkind vom Pfalztheater. Mit einer Handlung, so derbe wie ein Prosciuto crudo, der Schwarzwälder des Südens. Im Raffer: Ein älterer, lediger, dafür umso reicherer Herr mit Torschlusspanik sieht seine Felle davon schwimmen. Und zwar in den Ehehafen seines Neffen. Dieser Ernesto will sich den Luxus einer Liebesheirat leisten, in Erwartung seines dicken Erbes. Dick soll nun der Strich sein, der diese Rechnung durch kreuzt. Don Pasquale, vom ewigen Potenzneid des Alternden getrieben, stellt die ultimative Quizfrage: Geld oder Liebe! Gut, wenn man Freunde in der Not hat. Doktor Malatesta jubelt dem Hagestolz mit Verfallsdatum die verstellte Braut unter, Ernestos Norina, angeblich die Schwester des Kupplers und aus einem klösterlichen Jungfernzuchtbetrieb. Die Betschwester mutiert schnell zum kaufrauschsüchtigen Denver-Biest. Geiz war gestern. Die juristisch ungültige Hochzeit entpuppt sich als Farce. Das Ende scheint absehbar.

Wäre da nicht Mareike Zimmermann! Schon befinden wir uns in einer einschlägigen Trattoria mitten in New York. Typen, denen du besser nicht im Dunkeln begegnest! Umschlagplatz für Hehlerware. Der unvermeidliche Gipsdavid und die Madonna mit der bunten Glühbirnenaureole. Vor dem Lokal Luden und Leibwächter, verjagte Rosenverkäufer. Pate Pasquale, genauso herrschsüchtig und machtgeil wie in Donizettis Vorlage. Nur dass seine Wutausbrüche sich in MG- Salven entladen. Sein smarter Neffe ein absolut heißer Frauentyp, das heißt, bei den Sopranos wüsste man nicht, mit wem er im Bett landet. Wie er in seinem Boxeroutfit die Herzen betört! Obwohl er durchaus im Regen stehen kann, aber das sollten Sie sich selbst anschauen. Das blonde Liebchen ein durchtriebener Drache. Statt Hörner setzt Norina dem Alten einen Teller Spaghetti auf den Kopf- na dann, Mahlzeit! Der Doktor ein Hasardeur, der Einsatz sein eigenes Leben.


Wie befürchtet, das Pfalztheater fest in den Händen der ehrenwerten Gesellschaft. Und es passt! Statt Edelklamotte Edelklamotten. Statt Bauerntheater ein Bauernopfer. Machos, zieht euch warm an! Die Patin liest euch die Leviten. Eine umwerfend komische, blitzgescheite, höchst aktuelle Umsetzung Donizettis. Für Freunde der italienischen Oper und für solche, die es endlich werden wollen.

Die glorreichen Vier: Stefan Sevenich vom Münchner Gärtnerplatz, zum Brüllen komisch, wenn er die angebetete Braut nicht unverschleiert sehen darf, eine Scharade der Extraklasse, in der Carmen Acosta ihrem Verehrer in nichts an sprühendem Spielwitz nachsteht. Und die Stimmen! Der bildschöne Exportschlager aus Spanien mit dem glasklaren Spitzensopran, der herrliche Bariton Sevenichs, der mit dem hauseigenen, sich überall hören lassen könnenden Bariton Daniel Böhm, unserem Doktor, um die Wette jubelt. Und der Filigrantenor Garrie Davislim, der sich tänzelnd und unwiderstehlich in die Herzen schmeichelt. Dazu ein Chor, den die Mafia stellt. Ulrich Nolte, Chorchef, betreibt Gesangsdoping, hier ist offensichtlich alles erlaubt.

Die Patin und ihre zwei Mittäterinnen, Anna Kirschstein, Hausarchitektin der Ehrenwerten Gesellschaft und damit für das Bühnenbild zuständig, die Mafiaausstatterin Dietlind Rott (Kostüme), werden frenetisch bejubelt, ebenso wie das ganze Ensemble.

Premierenfeier. Ich habe bereits vier Asti im Kopf und spüre immer noch nichts. Klar- Mafia! Alles gepanscht. Dann kann ich mir ja noch drei leisten! Prost, auf dieses wunderschöne italienische Dramma buffo! Auf den Paten Pasquale! Auf unser Pfalztheater! Und auf die fünf Punkte, die ihr von mir bekommt (Schmiergeld dafür bitte auf mein Liechtensteiner Konto)!

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