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16.6.2024 : 21:54 : +0200

Willi und Ludus Danielis

01.02.2008

Unter dem Pseudonym Kulturbeutel veröffentlichet Frank Herkommer monatlich sein "starkes Stück"- meistens Berichte aus dem Pfalztheater Kaiserslautern. Den Auftakt macht Reitmeiers "Ludus Danielis". Wenn Sie vergleichen wollen mit der Besprechung von Frank Herkommer im opernetz, können Sie den stilistischen Reichtum des Autoren bestaunen

Mein starkes Stück: Ludus Danielis-The Play of Daniel

Weltpremiere am Pfalztheater


Latein und Reli gehören ja nun nicht gerade zu den Brüllern im schulischen Fächerkanon. Eher zu den Langweilern. Einer verschrobenen Minderheit zugänglich, mit schwerem Verdacht auf Frühvergreisung und Bücherstaublunge. Oder für fromme Gemüter mit unerschütterlichem Jesus- liebt-dich- Lächeln.

Pfalztheater, 19. Januar 2008. Der Bär steppt. Drei Zugaben, dreißig Minuten standing ovations, Rekord seit Beginn der Applausaufzeichnungen. Der eindeutig von Menschen verursachte Klimawandel am Pfalztheater, spätestens seit dieser denkwürdigen Nacht wird ihn niemand mehr ernsthaft bestreiten wollen. Jedem ist richtig heiß, eingeheizt von Vanden Plas und allen anderen, die Kaiserslautern für einen Abend zum umjubelten Nabel der Musicalwelt machen. Ludus Danielis, The Play of Daniel, hat Weltpremiere!

Auf Latein! Texte nur Reli!Jüdische Geschichte um Daniel, eingepackt in ein mittelalterliches, also christliches Mysterienspiel, das nicht müde wird, Eigenwerbung zu betreiben, indem man betont, dass natürlich ihr Jesus die prophetischen Vorhersagen des Daniel eingelöst hat. Dazu noch eine theologische Interpretation -Daniel als Typen-Vorlage für den Messias- von Johannes Reitmeier, dem Chef de mission und de la maison persönlich. Und dann dieser Erfolg!

Wo sind sie, die frommen und gelehrten Gemüter? In der Minderheit! Ein Stück, wie geschaffen für alle mit Schwellenangst. „Theater und ich, passt das?“ Es passt. „Muss ich Latein können?“- Nein, steht alles zum Mitlesen in deutsch am laufenden Band über der Bühne. Rasiersitzromantik. Außerdem klingt sowieso alles englisch, was Andy Kunz und Randy Diamond rausrocken. Wer eine Eins in Aussprache anstrebt, sollte bei Astrid Vosberg in die Schule gehen. „Muss ich in der Bibel lesen, um die Geschichte zu verstehen?“- Iwo. Die Mysterienmacher aus Beauvais wussten nicht, was mit dem Gesetz der Perser und der Meder gemeint war und singen sachlich schönen Quatsch zusammen. Und wenn die Rheinpfalz in der Zusammenfassung des Stücks den armen Perser Darius zum Anhänger eines Glaubens werden lässt, den es noch gute 600 Jahre überhaupt nicht gibt, Daniel den Juden gemopst und den Christen zugeschlagen wird, dann darf jeder, der den Ludus sieht, sich als Fachmann fühlen.

Die beiden Geschichten sprechen für sich. Erster Akt: Das berühmte Menetekel, in korrektem Hebräisch an die Wand geworfen, der ausbrechende Wahnsinn des König Belsazar und sein physischer Untergang. Zweiter Akt: Daniel in der Löwengrube, auch bekannt und wenn nicht, jeder kann sich ausmalen, welch unwirtlicher Ort das ist, gäbe es da nicht eine mysteriöse Maulsperre und wäre da nicht eine Care- Paket- Aktion, Zustellung per Luftpost und Botenmeisterei. „Wen kann ich mitnehmen in dieses Rock-Oratorium?“- Alle. Von den Alten, die ihre Musikträume nicht verraten haben. Bis zu den Kindern, die ihren geliebten Günter Fingerle wiedererkennen und erstaunt sind, dass der so böse sein kann. Jeden, der auf Super-Musik geil ist, geschrieben von Günter Werno und Stephan Lill. „Ist da nicht für Jugendliche zu viel Sex auf der Bühne?“- Gegenfrage: Wann haben Sie zum letzten Mal das Handy Ihres Enkels überprüft?

Reingehen: Super Viedeoeinspielungen (Lautrer Wertarbeit von Karl-Heinz Christmann), Super Bühnenbild ( das Schtetl lebt), krasse Kostüme, die nicht nur Lack-und Lederfans ansprechen, Chorgesang, dass du meinst, Drüben aufgewacht zu sein und gleich geht’s los mit dem Erscheinen des Obersten Boss. Vanden Plas auf dem Weg nach ganz oben, verstärkt für diese Aufführung durch Flöte und Violine. Maestro Gianetti motiviert seine Jungs und Mädels zur tänzerischen Höchstleistung.

Und damit, last not least, die Hauptpersonen: Randy Diamond, als Doppelkönig der Wahnsinn. Andy Kuntz, lead singer von Vanden Plas, der einmalige Daniel, ergreifend und Extraklasse wie gewohnt. Super-Astrid Vosberg, Lamm und Luder. Arlette Meißner, als Engel so sexy , dass niemand mehr bei Himmel an Mein Maß will i haben denkt. Ines Agnes Krautwurst lässt die Peitsche knallen, Günter Fingerle, längst Beutepfälzer, und Peter Floch bilden mit ihr ein durchtriebenes Trio infernale.

Mein starkes Januar-Stück erhält fünf von fünf möglichen Punkten: Einfach Spitze! Schnell Ticket reservieren- bevor alle Vorstellungen ausverkauft sind.


Euer Kulturbeutel

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