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16.6.2024 : 19:42 : +0200

Lerchenberg inszeniert die Geierwally

03.03.2008

Sara Nunius feiert Trimphe am Pfalztheater- Frank Herkommer schreibt im Willi über eine gelungene Inszenierung am Schauspielhaus des Pfalztheaters

Mein starkes Stück: Die Geierwally


Jo, mei! Ist das nicht Luis Trenker, der drei Reihen vor mir galant den Tirolerhut zieht? Hat er uns erneut eine unsterbliche Heidemarie Hatheyer beschert, wie schon einmal Anno 40? Und das da auf der Empore im Dirndl, mit gut zwei Ster Holz vor der Hütten, Marianne? Heute Abend ohne ihren feschen Michael? Das Fest der Volksmusik macht Betriebsausflug,mitten ins Parkett, selbst meine alte Lederhose spielt nach einigen Dehnübungen mit: Im Pfalztheater ruft der Berg! Die Geierwally ist los.

Ein letzter Jodler, und es kann losgehen. Frank (Gerth), stoß' ins Alphorn, Thorsten (Requadt), hau' die Kodotrommel, Bühne beleb' dich, Waldgeister tanzt auf! Ötzi, wir sind bereit!

Und gespannt! Kommt es zum Sturzflug in die Untiefen einer seichten Heimatschnulze, mit Hedwig Courts- Mahler als posthumer Patin? Will Intendant Reitmeier vielleicht subversiv den Wiederanschluss der Pfalz an seine Alpenregion fördern? Oder schlüpft mein Pirmasenser Spezi Walter Bockmeier ins Dirndl und macht Florian Silbereisen ein unmoralisches Angebot?

Weder noch. Was Regisseur Michael Lerchenberg auf die Bühne bringt, lässt in Rekordzeit alle Filmvorlagen (5!) im Hinterkopf vergessen. Der Stoiber-Imitator nimmt die Geierwally nicht auf den Arm, sondern unter seine bildungsgeweiteten Fittiche. Und auch Schlafgestörte werden bei dieser Inszenierung garantiert keine Erlösung finden.
Die Geschichte um Walburga Stromminger und ihre unzeitgemäße Aufsässigkeit, um Ablösungen und Patriarchat, um Zwangsheirat, Vernunftehe und Liebe gegen alle Widerstände bekommt eine solche betroffen machende Aktualität, als hätten Fassbinder und Fatih Akin gemeinsam das Drehbuch geschrieben. Widerstand sinnlos, du willst wissen, wie das wohl alles enden mag. Wird aber nicht verraten. Bin ja nicht Wolfgang Neuss, der Durbridge -Spannungsmörder und Lehrherr, wie man sich ein ganzes Volk zum Feind macht. Nur soviel: Attackenalarm für Heulsusen und Weicheier.

Die Welt ist roh wie das Holz, aus dem das Bühnenbild besteht. Eine steile, mobile Kletterwand, kein Hindernis für die Wally und ihren angehimmelten Joseph. Höhenangstgeplagte, bitte Augen schließen! Die Kostüme könnten nach den „Drei Frauen in der Kirche“ von Wilhelm Leibl entworfen sein. Echt authentisch. Anke Drewes,dickes Kompliment!

Das Oberoberkompliment gebührt nur Einer: Der herrlichen Sara Nunius! Gipfelstürmerin! Hoffentlich kriegt's niemand mit, wie gut die ist, sonst sind wir sie in Kaiserslautern schneller los, als uns lieb sein kann. Mal der verloren gegangen Bub, halb Erbin des Höchstbauern, halb wollstrümpfiger Trampel, stur wie der herrische Vater, Extremstalkerin, und dann die unsterblich Verliebte. Alles Trotzige und Verbitterte fällt ab, Liebe spült die harten Züge weich. Geschlagene und Gedemütigte, Rachegöttin und Liebesbettlerin. Ansehen!

Stefan Kiefer als heiratsgeiler Vinzent hinterlässt gekonnt eine autobahnbreite Schleimspur, um gleichzeitig auch seine tiefen Verletzungen an der Seele zum Ausdruck zu bringen. Jörg Bruckschen, das Mannsbild schlechthin, von dem sich Wally nicht nur sportlich aufs Kreuz legen lassen möchte. Jungs, passt auf Eure Mädel auf! Hinter der Bärenjägerattitude ein sensibler Mann, wie maßgeschneidert für den gelernten Psychologen. An seiner Seite die anmutige Brigitte Urhausen als Afra, das Beste, was uns Luxemburg seit Jeff Strasser in seinen guten Zeiten geschenkt hat. Nur schöner! Heinz Kloss, bärbeißiger Vater, transformiert sein Schwabendeutsch in breiten Ösi-Slang, schauspielerisch ganz nahe am großen Heinrich-George, Kotzbrocken mit reichlich spätem Damaskuserlebnis. Hannelore Bähr ungewohnt, dafür umso überzeugender im Fach der Alten, zerbrechlich und gebeugt, ihrer Luckardmagd gebührt der Oskar für die beste weibliche Nebenrolle. Rainer Furch hätte auch, wie zu sehen, einen veritablen katholischen Pfarrer gegeben, wenn er sich nicht zur Freude seiner schriftstellernden Frau und uns Theatergängern für die Schauspielkunst entschieden hätte. Michael Klein, Peter Nassauer, Andreas Wobig, Frank Lentz, Christian Ruth (der kann ja Quetschkommod spielen!) und Luzie Lohmeier, das Schauspiel lässt alles auftreten, was es zu bieten hat, bis auf die wunderbaren vier, die derzeit in der „Ziege“ zu bestaunen sind.


Packt das Dirndl aus, zwängt euch in die Lederhosen, vier Mal garantiert ausverkauft im März. Ob Ihr dabei sein dürft, hängt von Euren Spikes ab: Wer zuerst oben auf dem Theaterhügel ist, hat das Ticket! Hört Ihr den 5-Sterne- Berg rufen?


Euer Kulturbeutel


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