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3.10.2022 : 2:50 : +0200

Hello, Dolly! Rezension auf opernnetz.de

03.11.2011

Zeitreise nennt Frank Herkommer seine Kritik für das angesehene Online-Magazin opernnetz.de. Nicht nur Astrid Vosberg weiß zu überzeugen

Zeitreise

Pursuit of happiness, in der Unabhängigkeitserklärung deklariertes Recht und utopisches  Substrat Amerikas. Bei allem schlitzohrigen Humor, herrlich schräge und anrührend-liebevoll zugleich inszeniert von Stefan Tilch,  hinter Slapstick, Schrank- und Tischcamouflage, Geschäftstüchtigkeit und Multitasking der Dolly Levi  erscheint die zeitlose Sehnsucht nach Glück, ohne Ausblendung der sozialen Sphäre und der Hindernisse, die Religion mitunter dem menschlichen Herz zumutet.  Wenn es der Teufel ist, der zum Tanz bittet. Wie in einer doppelten Zeitreise lebt das Publikum mit,  Fin de Siècle in New York, viel Art Deco, Übereinanderlappen urbaner und ruraler Kultur, Zeitenwende und anachronistischer Glaubenspathos, doppelte Moral und Ungerechtigkeiten. Als der grenzenlose Kapitalismus noch charmante Aussichten bietet, Theologie noch kein Schreckenswort war, weil die Zukunft nur besser werden konnte. Keine Siebentagewoche für Hackl und Tucker! Keine vier Jobs für einen Mann oder eine Frau, von den 16 Millionen Arbeitsplätzen, die Clinton geschaffen zu haben sich rühmte. Keine prekären Arbeitsverhältnisse, lautet die bange Parallele der Heutigen. Zugleich entführt Stefan Tilch in die Welt der 50-er und 60-er, als Fuzzy noch stehend auf einem Zug durch die Gegend fährt, dem die Bilder entgegenfliegen. In die Welt der Sozialromantik, mit einem Laden von Mr Vandergelder, der jeder Charles-Dickens-Verfilmung zur Ehre gereichte. Stadtpläne leuchten auf, Drei-D-Effekte geben dem Geschehen eine zusätzliche Tiefe und dem ganzen einen unerhörten Drive Verantwortlich dafür der längst international renommierte Hausvideokünstler Karl-Heinz Christmann, vorzüglich die Arbeit des Lichtarrangeurs Harald Zidek. Zwei Stunden Streicheleinheiten für Ohr, Auge, Herz und Kopf, last not least Trainingseinheit für die Lachmuskulatur. Mit Melodien, so frisch, als habe Jerry Hermann sie gestern erst zu Notenpapier gebracht.

Maßgeblich daran beteiligt am Pult ein Rodrigo Tomillo, dem der Wechsel ins leichte Fach keine Beschwernis macht.  Da swingt es, dort werden Evergreens in beschleunigtem Tempo interpretiert, neu arrangiert und instrumentiert, absolut heutige Musik ohne jede Patina.

Zauberhaft die beschriebene Bühne und die liebevoll kreierten, zeit- und anlassgemäßen   Kostüme  von Charles Cusik Smith und Philip Ronald Daniels.

Eine Astrid Vosberg, längst eine feste Größe auf deutschen Musicalbühnen, der die Rolle der Dolly Levi auf den Leib geschrieben zu sein scheint. Ungeheuer variabel, dabei immer authentisch, von beeindruckender Präsenz. Eine, die Emotionen mit allem, was sie hat, Stimme, Gestik, Mimik Tanz, zu transportieren vermag. Mit einer Stimme so breit wie ein Kaleidoskop, immer neue    Färbungen und Techniken. Stepplehrerin und Meisterin der Schuhsohle in einem.  Sie alleine würde den Abend zu einer gelungenen Veranstaltung machen. Mutig, den Horace Vandergelder mit einem älteren Schauspieler zu besetzen. Ein Mut, den Peter Nassauer belohnt. Der dem knauserigen Zottelbär Charakter verleiht, der nicht nur vorzüglich spielen, sondern angenehm singen kann. Daniel Böhm läuft zu Hochform auf als Leitfigur Cornelius Hackl, für Leidensgenossen und Glückssucher Tucker, ein Träumer und Glückssucher schlechthin, mit Ernsthaftigkeit, sichtlich verliebt, einen Mut zeigend, der ihm nicht zugefallen ist, die samten-virile Baritonstimme zeigt, was in  der Musik von  Herman an Potential steckt, er tanzt und setzt die Choreographie von Stefano Gianetti um, als habe er Musical studiert. Das hat erfolgreich Julian David. Eines der großen deutschen Musicaltalente, bei dem man sich nicht entscheiden kann, was er am besten beherrscht: Gesang, Tanz oder  Schauspiel. Mitreißend und hinreißend in der Rolle der Noch-Unschuld vom Lande, Barnaby Tucker.  Arlette Meißner wagt den Sprung in die Rolle einer reifen Frau,   absolut gelungen, nichts von ihrem Charme geht verloren, dabei zeigt sie einmal mehr  ihre enorme Stimmbreite. Susanne Pemerl eine Minnie Fay, die den Kontrast zur Modistin erfolgreich darstellt. In den Rollen der hysterischen Emmengarde umwerfend komisch Anna Port, ihr zur Seite Manuel Lothschütz als Ambrose Kemper, dazu Bernhard Schreurs als „Cabaret“-reifer Rudolph. Geertje Nissen urkomisch und herrlich ordinär als Ernestina Money, die Lachsalven und Applausstürme auslöst.

Dem Chor unter Leitung von Ulrich Nolte ist die Begeisterung abzuspüren, mit der gesungen und gespielt wird. Fließend die Übergänge in den Bewegungen zwischen den Figuren des Stücks, den Chormitgliedern und dem Ballettensemble. Stefano Gianetti ist es gelungen, eine ästhetisch anspruchsvolle, harmonische Gesamtchoreographie zu entwickeln, in der es keinen  Bruch gibt.  So wird ein Musical zum Augenschmaus.

Das Publikum ist begeistert und beglückt. Eine Zugabe nach der anderen wird gefordert und gewährt. Und alles strahlt um die Wette. Die Lichter sind sehr spät ausgegangen an diesem Abend.