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29.5.2022 : 8:26 : +0200

Der süsseste Wahnsinn- Thomas Krauß inszeniert Boulevard vom Feinsten am Pfalzheater Kaiserslautern. Für WILLI sitzt Frank Herkommer in der ersten Reihe

06.12.2010

Geertje Nissen und Astrid Vosberg als zwei - die eine mehr, die andere auch schon- alternde Diven. Köstlicher Zickenkrieg, mit Nebenrollen,die ernst genommen werden und weitere Glanzpunkte setzen, von Frank Herkommer geschildert, ohne die Schlusspointe zu verraten. Reingehen!

Mein starkes Stück:  Der süßeste Wahnsinn (Suite Surrender)

Schein und Sein

Appearances are deceiving, sagt der Angelsachse. Stimmt! Nicht jeder, der dich hart von hinten bedrängt, ist deshalb schon auf gemeinsames Männervergnügen aus. Und was aussieht wie eine Lektion aus dem Kamasutra für besonders kleine Leute (sorry, Markus!), Löffelchen im Stehen,  erweist sich dann doch nur als Ende einer Illusion. Kein Pippi für Mr. Pippet! Der überraschte Blick von Zufallszeugin Geertje Nissen (alias Claudia McFadden) einer Garbo würdig. Und jeder weiß, was ihr in diesem Augenblick durch den Kopf geht. Dabei hatte sich der subalterne, für einen Mann mit schäbiger Aktentasche eine Spur zu modisch gekleidete Privatsekretär so über die roten Rosen gefreut, die ihm zugestellt wurden. In der ungläubigen Frage: „Ich habe einen Pagen?“ liegt das ganze „Glück der Hoffnung auf Glück“ (Erich Fried). Und das irgend wann um 1944! Einmal wird er sich zur Wehr setzen, gegen seine Chefin, die anderen Furcht und sich selbst Martini einflößende Diva, mit der ganzen Inbrunst seiner kleinen Seele.  Eine große Szene für und durch Markus Kloster. Wie sein Ohnmachtsanfall mit eingedrehter Pirouette. Aber damit sind wir schon bei Johnnie Walker, dem flugtauglichen Schoß- und Armhund.

Wen Rosenentwinder Francis liebt (der vorzügliche Jan Henning Kraus), wird bald sichtbar: Licht aus,  Spot an, Frauendutt auf, Männerstimme Testosteron verheißend runter, eine Stimme, die Reißverschlüsse öffnet,  und in slow motion zur entsprechenden Filmmusik schweben und küssen und um die Wette strahlen mit der schönen Murphy Stevens, erotisch raffiniert und im gewollt schrillen Umfeld erfrischend natürlich gespielt von Marion Fuhs.

Eine Komödie,die Thomas Krauß (für die grauenhaft platte Eindeutschung des wortverspielten englischen Titels, den man nun noch nicht zu Ende gelesen hat, um ihn wieder vergessen zu haben,  zeichnet nicht er verantwortlich) so liebevoll in Szene gesetzt hat, dass nicht nur die gut zwei Stunden wie im Flug vergehen, man sich wünscht, die Handlungsfäden würden nach dem Schein- Sein – Schema - Ende wieder aufgenommen und man dürfe die Figuren noch ein wenig weiter auf dem stolprigen Weg zum Glück verfolgen, er schafft es auch, dass es eigentlich keine Nebenrollen gibt. Krauß zeichnet jedem seinen unverwechselbaren Charakter ein, jede Mimik, jede Gestik, selbst die schweißtreibenden Übertreibungen (Bals!), jeder Tonfall, das Sprechtempo, alles stimmt,auch psychologisch, das unglaubliche Timing erzählt von der handwerklichen Solidität des Regisseurs, der Raum in der Präsidentensuite (mit Kroko- Trophäe  an der Wand) wird intelligent genutzt, womit er die Dynamik noch einmal steigert. Man kann erzählen von wem man möchte, anfangen bei wem man möchte, immer ist man mitten in der Geschichte und in der je eigenen Geschichte eines jeden.

Da ist die jeden betatschende, plumpe Vertraulichkeit stiftende, grauenhaft komisch mitsingende, jedem Respekt und Schamgefühl abholde,  am hohlen Patriotismus  seinen lächerlichen, das kleine Ich erhöhenden Charakter freilegende Mrs. Everett P. Osgood, Charity - Veranstalterin in patriotischen Kriegszeiten und Hotelbesitzergattin. Antje Weiser in komödiantischer Höchstform. Extra Lob für das Maske-Team um Dagmar Häuser.

Oder Otis. Page wie Francis, mit dessen Namen angesprochen zu werden er sich beharrlich wehrt. Oliver Burkia  macht aus der Rolle ein Psychogramm der List aller subalternen Gestalten.  Der Schleimer und Schmeichler, der sich andererseits duchzusetzen und zu wehren weiß. Bei dem man nicht weiß, wer wen benutzt, wenn die aufreizend mannstolle zweite Diva, Athena Sinclair über ihn herfällt.  Vor der auch Francis nicht sicher ist. Eine „Joseph .und - Potiphars - Weib - Szene“ vom Feinsten.

Dominique Bals glänzt in der Rolle des Hoteldirektors Dunlap. Niemand schwitzt und leidet so wie er. Die Pein ist ihm ins Gesicht geschrieben, die höchste Not zeigt sich in jeder  Bewegung der Gesichtszüge. Keiner geht so schön im Stehen wie er. Herrlich überzeichnet, ohne Hauch von Albernheit.

Hannelore Bähr. Die Bähr. Charaktermimin am Pfalztheater. Sich nicht für Boulevard und slap stick zu schade, ganz im Gegenteil: Schrillissimo, X- beinig, gesellschaftstratschgeil, wenn sie sanft lächelnd in die nächste Ohnmacht und den selben Schrank fällt.

Astrid Vosberg, die nicht nur zauberhaft zu singen weiß. Das mitreißende Duett mit Geertje Nissen „I get a kick out of you“ versetzt jedem Hörer einen besonderen Kick. Sie spielt die Mannstolle, Selbstverliebte,  dabei sichtlich unfähig zum Älterwerden,  das Marilyn - blonde Dummchen ebenso überzeugend wie das Alter Ego. Womit wir wieder bei Sein und Schein wären.

Wer jetzt noch nicht überzeugt ist, dass ihn im Pfalztheater ein starkes Stück Boulevard erwartet, mit stilgerechten Kostümen und einem witzig - geistreichen Bühnenbild aus dem Wunderhorn der hochbegabten Isabel Graf, der sollte schon deshalb schnellstens ein Ticket erwerben, weil Geertje Nissen spielt. Hinreißend. Zwischen Matrone und Magna Mater. Große Seele und großes Ekel. Jede Geste eine Botschaft. Jede hochgezogene Braue ein Universum. Die Stimme zwischen Trompeten von Jericho, Jüngstem Gericht und Abendmahlseinladung. Spielkunst vom Höchsten. Ein Ereignis.

Das Ende wird nicht verraten. Was nichts nehmen würde von der Ausstrahlung eines Stückes, das nicht vom Ende lebt, sondern von jedem Augenblick.

Ihr Kulturbeutel

Frank Herkommer