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17.8.2022 : 18:07 : +0200

Tosca am Pfalztheater Kaiserslautern

24.09.2005

Wegen redaktioneller Umstellungen blieb die Rezension unveröffentlicht. Michael Sturm arbeitet mit Symbolen und Metaphern. Frank Herkommer geht dieser aufregenden Inszenierung in seinem opernnetz- Beitrag nach

Musik: 4 Sterne

Gesang: 4 Sterne

Regie: 5 Sterne

Bühne: 4 Sterne

Publikum: 1 Stern

Chat- Faktor: 5 Sterne

Pfalztheater Kaiserslautern 24.September 2005

(Premiere)


Schreie und Flüstern


Wenn sich ein Sujet brachialen Annäherungen verweigert, dann das der Folter und ihrer zwangsläufigen, schleichenden Unterminierung des gesellschaftlichen Bewusstseins für Recht und Unrecht. Michael Sturms gelungene und intelligente Inszenierung der Tosca am Pfalztheater Kaiserslautern widersteht konsequent der Versuchung, über gutmenschliche Moralisierung, falsches Pathos oder überzeichnende Dämonisierung die Phänomene Folter/Gewaltherrschaft dem Verstehen zu erschließen. Das Kontingente bleibt beklemmend unableitbar, das Böse erweist sich nicht nur angemessen als banal (Hannah Arendt), sondern hat darüber hinaus, Anti-Eichmannsch, vergnügt eingestandene Befriedigung an der Quälerei, die ihm die Obrigkeit erlaubt, an der Macht über Tod, Leben und Lust. Dieser Scarpia dient zwar der Restauration, in mindestens demselben Maß bedient er sich Lustgewinn maximierend ihrer. Gerade dadurch gewinnt diese Inszenierung Aktualität. Rom ist überall und immer. Indirektheiten, Brechungen (engelgleicher Hirtenknabe als sich spät entpuppender rednosed Agent) und glaubhafte Charakteristiken geben der Aufführung die nötige Distanz und damit einnehmende Wahrhaftigkeit. Schmerzensschreien des Gefolterten korrespondiert das leise Seufzen der beiden gequälten Seelen. Das Problem der doppelten Schuld- Preisgabe des Verstecks oder Foltertod des Geliebten- wird ebenso nachvollziehbar und ergebnisunabhängig dargestellt, wie die Unausrottbarkeit von vertikalen Herrschaftsstrukturen und die ewige Verführbarkeit der Polloi. Und es zeigt sich: Im Tod sind eben nicht alle gleich.

Vorzüglich das Bühnenbild von Ilka Weiss. Diese Stelen-Kirche hat ihre Winkel, in denen sich gut mauscheln und kollabieren lässt, Raum für die unheilige Allianz zwischen Adel und Klerus. Brillante Lichteffekte, das Photoportrait der Attavanti bricht sich an den Stelen, Weihrauch liegt in der unheilschwangeren Luft. Und vor der fiktiven Staffel ein Graben, Kirchenasyl und Verdunklungsraum in einem. Raum, in den die Fantasie der Zuschauer eintauchen kann. Einige wenige Umstellungen, aus der andächtigen Höhe des Sakralraumes kommt im zweiten Akt die Poe’sche Pendulum –Enge nieder. Fascho-schwarz das Folterzentrum. Besonders eindrücklich die zum Publikum hin abfallende Spielwiese im 3.Akt, die letztlich, von den Häschern eingerollt, zum Todesanger wird. Heimat, so Ernst Bloch, ist da, wo wir alle einmal waren, in unserer Kindheit. Deren hölzernen Utensilien schmücken die Traumlandschaft der naiven Künstlernaturen, jener Situationshelden, die dem ersten Himmel, dem für Lebende, also die Kindheit, so viel näher stehen als dem zweiten, dem für Tote.

Die Kostüme von Dietlind Konold eine einzige Ansammlung von Metaphern.. Jedes für sich erzählt dienend die Geschichte der Protagonisten mit. Dunkelmänner (Sonnenbrille) und red noses, wer Augen hat zu sehen, entdeckt ein brillantes Feuerwerk der Phantasie, Geistesreichtum und Schönheit.

Laurie Gibson als Tosca, hinreißend in Stimme wie Mimik. Der Sopranistin gelingt es meisterlich, den verschiedensten Stimmungen Ausdruck zu verleihen. Eifersucht und Entsetzen, Liebe und Hoffnung, Sorge und Verachtung, Wut und Staunen, ob lyrisch, ob dramatisch, die Übergänge bereiten ihr ebenso wenig Schwierigkeiten wie die fulminanten Höhen und unterschiedlichen Lautstärken. Nie hat man das Gefühl, dass sie gegen das vorzügliche Orchester ansingen müsste. Bei Pucciniopern wahrlich keine Selbstverständlichkeit. Wie sie sich entleibt (kein Turmsturz; der symbolisch gebrochene Malerpinsel des Geliebten führt zur Wiedervereinigung im Tod), erscheint stimmig. Fünf Sterne für die Diva! Ruben Broitman als Cavaradossi absolut ebenbürtig. Ergreifend seine Arien, Respekt vor der Treffsicherheit bei den hohen Tönen, einnehmendes Bellcanto. Nach der Folterung (Kostüm weckt Assoziationen an den leidenden Christus, Stellvertretungsmotiv als tertium comparationis) vermeidet er es beeindruckend, ins Klischeehafte abzugleiten. Das Triumvirat rundet Carry Persson als vollendeter Scarpia ab. Wohltuend, wie er instrumentengleich seine herrliche Stimme einsetzt. Schauspielerisch absolut eine Glanzleistung.

Nahtlos fügt sich das übrige Team in das hohe Niveau ein, von Mario Podrecnik (Spoletta) bis Alexis Wagner als Mesner.

GMD Francesco Corti erweist sich einmal mehr als Puccini-Interpret der Extraklasse. Fulminante Interpretation der unterschiedlichsten Gefühlsgemengelagen. Expressiv, immer wissend, dass das Göttliche sich nicht nur im tobenden Sturm, sondern auch und gerade im schwachen Säuseln offenbart. In den leisen Tönen überzeugt diese Interpretation auf eine Weise, dass die Existentialen von Ausgeliefertsein, Opfer und Macht noch lange den Hörer umtreiben werden.

Publikum: lau, überaltert. Mit der Subtilität des Regieansatzes offensichtlich teilweise überfordert. Normaler Premierenbeifall.

Premierenfeiern sollten die Protagonisten feiern, nicht umfunktioniert werden als Abschiedsfeier für noch so verdiente Verwaltungschefs. Gerade nach so großer Kunst desavouieren sich Politiker als Sprechblasenproduzenten.