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"Opfertod" nennt Frank Herkommer seine Besprechung von Giovanna d'Arca

05.10.2009

Verdis frühe Oper feiert eine spektakuläre Inszenierung am Staatstheater am Gärtnerplatz München. Frank Herkommer war dabei

Opfertod


Mit der Hebung eines Schatzes startet das Theater am Gärtnerplatz in die neue Münchner Opernsaison. Verdis Giovanna d'Arco, die freie Bearbeitung des Schillerschen Dramas um die Jungfrau von Orleans, zeigt nicht die üblichen Schwächen eines Frühwerks, weder dramaturgisch noch musikalisch. Im Gegenteil! Alles ist bereits angelegt, was den späteren Verdi auszeichnen wird. Ein Farbenreichtum flutet Gehör und Gemüt, vieles begegnet wieder im Rigoletto. Dazu drei singende Protagonisten, die ein ganzes Stück tragen, ohne einen Augenblick Langeweile durch Redundanz zu erzeugen. Das Ganze beeindruckend in Szene gesetzt von Thomas Wünsch, dem gemeinsam mit Bühnenbildner und Ausstatter Heiko Mönnich am Gärtnerplatz bereits mit einem weiteren Schillerschen Frühwerk des Italieners, I Masnadieri, in der vergangenen Saison ein Wurf gelungen war.

Dem bei Verdi wie Schiller vorherrschenden Aspekt der äußeren, nationalen, kollektiven Freiheit fügt Wünsch den der inneren, Person stiftenden, die Autonomie des Subjekts ermöglichenden Freiheit hinzu. Mit allen Kämpfen, Rückschlägen, Zweifeln und inneren wie äußeren Widerständen, die dazu gehören. Der Regisseur verbindet dabei Gesang, Pantomime und Schauspiel zu einer aufregenden Symbiose. Jeanne, der Herr und der Inquisitor sprechen deutsch, die eingeschobenen, von Wünsch verfassten Dialoge sind tief theologisch-philosophisch-psychologischer Natur. Mal geht es um die Kategorie der Offenbarung, am alttestamentarischen Profetenbild ausgerichtet, der aus dem alltäglichen Nebenbei seine Botschaften bezieht, um in die Antithese zu münden, wir sehen, was wir sehen wollen. Im nächsten Einschub streiten die Jungfrau und der Herr um die Theodizee, dann wieder drehen sich die Fragen um Freiheit und Verantwortung. Der theologisch erstaunlich versierte Regisseur spielt mit trinitarischen Modellen, seine Sprech- und Pantomimefiguren betonen changierend die Seiten der Dreieinigkeit, mal ist der Herr der Vater, der Hiob-Johanna Rede und Antwort steht, dann wieder der Sohn und seine soteriologische Funktion, wenn er aus da Vincis Abendmahl steigt, mal der Heilige Geist, wenn der Herr seiner Kämpferin vergibt. Nichts ist eindeutig, wenn sich Giovanna-Jeanne auf dem Weg zur christologischen Gestalt befindet, deren Opfertod (eben nicht wie in der Oper Heldentod) Heilscharakter erhält. Das Göttliche wächst zunehmend ins Humane. Der Verführer, scheinbar nur die Inkarnation der Triebanteile am Subjekt, königliche Abspaltung, wird Teil der Heilsgeschichte, wenn alter ego Maria-Jeanne mit ihm nieder kommt, sicherlich eines der nachhaltigsten Bilder dieser Inszenierung. Wenn das wankelmütige Volk den verführerischen Johannes-Jesus-Verschnitt anspeit, wird der Anklang an die Passionsgeschichte überdeutlich. Das Sinnliche und das Heilsstiftende werden identisch. Und als das Kreuz zum Ort der sexuellen Vereinigung wird, hat Jeanne/Giovanna ihre letzte Versuchung bestanden. Mit dieser komplexen Inszenierung macht es Thomas Wünsch dem Zuschauer nicht leicht. Muss er auch nicht - Bert Brecht: Kunst ist schließlich kein Schlaraffenland.

Heiko Mönnich entscheidet sich für klassische Kostüme. Opulent, nie kitschig. Historisch, nicht historisierend. Der ewige Soldat im bürgerlichen Mann bewusst keiner Epoche und keinem Heer zuzuordnen. Die Protagonistin mal im Büßerinnenhemd, dann wieder im Brustpanier, alle wunderbar gezeichnet, keiner überzeichnet. Gelungen auch das Bühnenbild. Ein schwarzer Raum aus unbehauenen Steinblöcken, sechs Türen, die keinen Ausweg zu weisen scheinen. Das Göttliche scheint als schwarzer Lichtkegel den Menschen zur Vernichtung auserwählt zu haben. Unter dem schwarzen Himmel schwebt das Kreuz bedrohlich über dem Menschen, bevor es in das Reich des Sinnlichen nieder kommt. Kreuz auch im Hintergrund. Wenn die Räume für Menschlichkeit eng werden, liegt es auch am Todessymbol. Tief beeindruckend die geknickte Eiche, Kultort der Autochthonen, darin hängender Leichnam, Ergebnis von heiligem Krieg und Christianisierung.

Das Orchester unter Leitung von Henrik Nanasi zu Recht gefeiert. Die dramatischen Aspekte werden heraus gearbeitet, ohne Pathos, ohne angestrengt zu wirken. Dann wieder verspielte Dynamik, südliche Leichtigkeit. Verdi pur.

Die Chöre (Einstudierung Jörg Hinnerk Andresen) in unglaublicher Spielfreude, gesanglicher Differenziertheit, Präzision und Farbenreichtum.
Die Protagonisten: Sandra Moon überwältigend als Giovanna. Sie steht an Spielkunst Sieglinde Zörner in nichts nach, die eine vereinnahmend-authentische, schauspielende Jeanne-Johanna auf die Bühne bringt. Ihre kultivierte Stimme meistert die Partie mit Ausdruck, Wärme und unverwechselbarem Charakter. Giacomo, ihr Vater, in aller Zerrissenheit, Freudschem Allmachtsanspruch und Dämonie meisterhaft dargestellt, Riccardo Lombardi mit einem allerfassenden Bariton, dessen Magie und Faszination sich niemand entziehen kann. Carlo VII, König von Frankreich, bewusst besetzt mit einem feinen, differenzierten Tenor, Harrie van der Plas, dessen lyrische Schönheit Schwäche, Zweifel ebenso glaubhaft machen wie seine erotische Anziehungskraft. Adrian Sandu als Offizier Delil und Sebastian Campione als Talbot fügen sich nahtlos in das meisterliche Ensemble ein. Sebastian Winkler als souverän-unaufgeregter Gott/Jesus/edler Anteil am König/Herr. Klaus Brückner als Inquisitor, der die Rolle des Anklägers (mythologische: Satan) mit Spielwitz ausfüllt, Mark Oliver Römisch als dämonische, körperbewusste Verführung.

Immer wieder unterbrechen Zwischenapplaus und Bravi die Aufführung. Am Schluss begeisterte Ovationen für Protagonisten, Chor, Dirigent und Orchester. Die christliche Rechte hat eine Handvoll Buhmänner mobilisiert. Es zeigt sich, dass der Pietismus eine intellektuelle Mangelerscheinung darstellt, wenn die Botschafter der ungeliebten Deutung ausgepfiffen werden - die Schauspieler. Ob der wahre Sprengstoff der Inszenierung erkannt wurde, darf bezweifelt werden. Das Regieteam wird gefeiert und ausgepfiffen. Man hat's halt bei Gott nicht leicht.