Sie sind hier: Rezensionen
1.3.2024 : 4:10 : +0100

"Lustige Witwe" in Saarbrücken

20.10.2008

Von einer spritzigen Inszenierung am Staatstheater Saarbrücken berichtet Frank Herkommerfür opernnetz.de

Akzente









 

Fotos: Björn Hickmann, Stage Picture

Nichts schwieriger zu inszenieren als eine Operette. Und dann noch Die lustige Witwe, mit wenigstens drei von den Topp- Five der ewigen Operetten-Hitparade. Weil jeder, der die 30 überschritten hat, mindestens eine „Lieblingswitwe“ mitbringt. Weil jede Abweichung gegenüber 1905 unter dem Generalverdacht der Witwenschändung steht. Weil die Handlungsstränge schon alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, also wenig Platz für Regieeinschübe bleibt. Kaum hat man die fünfzehn Namen präsent, tobt schon der Schlussapplaus. Schwierig, weil die Aufführung mit der Gräfin steht und fällt, obwohl von der Anlage her das Ensemble der Star ist. Eine Gratwanderung. Weil alle sagen, dass ein hohes Tempo bei Operetten über das Gelingen entscheidet.

Umso mutiger von Staatsintendantin Dagmar Schlingmann, Regieassistentin Kristina Gerhard die Inszenierung anzuvertrauen. Der Mut sollte belohnt werden. Gerhard unterliegt nicht dem Fehler, bereits im ersten Akt das ganze Tempo aufzunehmen. Eine Crescendo-Inszenierung, die Akzente zu setzen weiß. Mit Urgestein Matthias Girbig in der Rolle des Njegus nutzt sie die Chance, ihre Handschrift, ihre Pointen und ihren Esprit mit der Figur zu verbinden, die sich dafür geradezu anbietet. Herr von Enigma und Viagra-Schelm. Und sie beweist mit der weiteren Rollenbesetzung, dass es möglich ist, Charaktere aus Klischee und Klamauk in spannende Konstellationen und Kontraste zu überführen. Die anständige Frau Valencienne gebündelte Erotik, die absolut gleichwertig gesetzt wird mit der Glawari, dieser Diva, die ihre Verletzlichkeit, Fraulichkeit und Selbstbewusstsein zeigen darf und kann. Dem Grafen Danilo erlaubt Kristina Gerhard, eine Entwicklung durch zu machen, vom verspielten Jungen mit viel Wiener Schmäh zum liebesfähigen Mann. Die Regisseurin versucht nicht, die Figuren gegen den Strich zu bürsten, weiß, dass es sich um den heiteren, parodistischen und darum lockeren Umgang mit ernsten Themen handelt. Sie greift im Brauchtum auf märchenhafte Züge zurück, die das Gegenteil von kommerzialisierter Folklore darstellen. Selbst der Längen abkürzende Zitherspieler als 16. Mann (Willi Wolf) wirkt keinen Augenblick parodistisch. Eine Witwe, die in einigen Jahren zu denen gehört, die man mit ins Theater nimmt und mit der neuen vergleicht.

Die drei vorzüglichen Bühnenbilder von Annette Meyer bedienen gekonnt die Phantasie (der Garten im zweiten Akt hat wunderschöne, kreativ ausgemalte märchenhafte Züge, die Details um den Schwanenpavillon mit viel zitierendem Humor), verzichten auf teuren technischen Schnick-Schnack und sind stückdienlich.

Die Kostüme stammen aus der Phantasie von Angela C. Schuett. Herrlich austoben darf und kann sie sich bei den Stilisierungen der Grisetten, die leidenschaftlich ihre sexuellen Präferenzen vortragen. Schuett versteht es, Elegance, Demimonde und Überzeichnungen in ein ausgewogenes Verhältnis zu setzen. So kleidet man sich auch heute noch bei Diplomatens.

Dirigent Christophe Hellmann startet, als wolle er die Gemütlichkeit der alten Zeit in Erinnerung rufen, um dann den ganzen Saal mit dem Saarländischen Staatsorchester mitzureißen, die Herzen beim Vilja-Lied schmelzen zu lassen, die Beine zum Zucken zu bringen, die am liebsten mit tanzen möchten.

Melanie Kreuter eine vorzügliche Hanna Glawari. Ihre Stimme geht unter die Haut, transportiert große Gefühle und Einfühlsamkeit, atemberaubend schön ihre Vilja-Arie. Eine Witwe! Guido Baehr als Graf Danilo gewollt sehr wienerisch, stimmlich ausgereift und präsent. Elizabeth Wiles weiß das Publikum zu bezaubern, ihre Valencienne gehört zu den Besten, die derzeit zu hören und zu sehen sind. Jedem großen Haus in dieser Gastrolle wärmstens zu empfehlen. Als ihr Partner, der unbeholfene und überforderte Liebhaber Rosillon, Algirdas Drevinskas, seine Stimme überzeugt durch eine jugendlich-fröhliche Färbung, die das Verliebtsein glaubwürdig ausdrückt. Markus Jaursch, der gehörnte Baron Zeta, mit gepflegter und schöner Stimme, spielt die Gebrochenheit auf überzeugende Weise. In den weiteren Rollen: Vadim Volkov (Vicomte Cascada), Alto Betz (Raoul de St. Brioche), Frank Kleber (Bogdanowitsch), Silvie Offenbeck (Sylvaine). Elmar Böhler (Kromow), Elena Kochukova (Olga), Harald Häusle (Pritschitsch) und Sylvia Didam (Praskowia).

Das Publikum, das sich nach dem ersten Akt noch abwartend verhielt, am Ende begeistert. Zehn Minuten Applaus und viel Lob und Anerkennung bei der Premierenfeier. Diese Witwe wird noch viele Besucher begrüßen dürfen.