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4.12.2022 : 9:25 : +0100

Opernskandal in Leipzig

20.10.2008

Das Publikum konnte seine Empörung kaum zügeln: Der Fliegende Holländer an der Oper Leipzig fällt durch. Woran das gelegen haben mag, analysiert Frank Herkommer für opernnetz.de

Leerstück

 






Fotos: Andreas Birkigt

Man fühlt sich ins Mailänder Teatro Lirico zurück versetzt: 1910, Provokateur Marinetti und seine Futuristen weiden sich allabendlich mit der Attitüde der Weltwissenden am Zorn des empörten (und aus ihrer Sicht ach so dummen und bourgeoisen) Publikums, dessen geschleuderte Tomaten weiße Anzüge in rot triefende traurige Lumpen verwandeln. In Leipzig triefen die Leiber der Statisterie, überschüttet und gedemütigt, Öl auf das schwarz glänzende Haupt, dieses Schibboleth globalisierten Wettbewerbs und die monokausale Erklärung aller Konflikte. Des Pudels Kern, so schwarz wie er. So einfach ist das.

Senta taucht mit beiden Armen in einen Eimer voller Blut. Schwappte es vielleicht aus dem überdimensionalen Bildschirm ins Gefäß, auf dem Videoeinspielungen das tatsächliche Keulen eines Kalbes bis zum ebenso realen Brechreiz des Publikums wiederholen, immer wieder den verbissenen Todeskampf von zwei Straßenhunden zeigen und uns damit belehren, wie schlimm doch unser Voyeurismus im Besonderen und wir Fleischesser im Allgemeinen sind? Sequenzen flimmern ins schutzlose Auge des gepeinigten Betrachters über das Elend der Müllkippen dieser Welt, die uns zu Konsumverzicht als Heilsweg erwecken möchten, in einer Stadt, die sich freut, nach vierzig Mangeljahren endlich nicht mehr sich die Nasen an der George Groszschen Schaufensterscheibe platt drücken zu müssen. Oder stammt das Blut aus den Zyklen der Frauen, und wir sollen uns darauf einen feministischen Reim machen? Ach ja, es sind die abgeworfenen Kleider der seestandsgeilen Landgänger, die Senta in den Bluteimer taucht. Was will sie uns sagen? Ist es die viehische Lust, welche die Erlösung des Mannes blockiert? Fragen über Fragen, die keiner wirklich beantworten will.

Alle Klischees werden bedient, vom Bö(r)senfernsehen über die Dollarnote, dieser große Satan, bis zur Fußballkultur als Eiapopeia fürs Volk, den großen Lulatsch. Ein bisschen nackt muss auch sein, von Bieito die Dusche, Milchglas erspart uns die letzte Peinlichkeit. Ein Nuttchen mischt sich unters Publikum, alte Männer in Unterhosen auf dem Catwalk , der sich Bühnenrand nennt. Der Schuss am Schluss ein Muss. Botschaften werden über die oft überflüssigen Videoeinspielungen verdoppelt, dass noch dem Klügsten eigenes Nachdenken erspart wird. Indoktrination statt Denkanstoß.

Manch einer im Leipziger Opernhaus hätte sich gewünscht, an diesem Abend aus der geballten Faust eine Tomatenschleuder alla Milanese machen zu können angesichts der Regieleistung von Michael von zur Mühlen. Wo waren die behutsamen Einwirker, die die berechtigte Empörung vorausgesehen hätten? Selten stand eine Opernaufführung der letzten Jahre so knapp vor dem Abbruch. Wagner ging seinerzeit in Dresden auch für die Leipziger auf die Barrikaden. An diesem Premierenabend revanchierten sich viele Leipziger bei dem Meister.

Warum um Gottes Willen hat dem hoch begabten Team der jungen Wilden niemand im Haus gesagt, dass Gift eine Frage der Dosierung ist? Dass bei einer Parabel auf die Globalisierung die Bildhälfte keine Eigendynamik bekommen darf, die eine Sicht auf die Sachhälfte unmöglich macht? Warum hat niemand beschwichtigend eingegriffen und auf Jahrzehnte weiteren Schaffens hingewiesen, in denen dieser oder jener für sich genommen tiefsinnige Gedanke auch noch eingebracht werden kann? Vor allem aber: Niemand muss sich wundern, wenn die Beziehung Senta-Holländer seltsam unpersönlich und statisch erscheint. Die Erlösung des Menschen erwartet von zur Mühlen von den zornigen jungen Männern, die die alte Welt in Schutt und Asche legen, Strukturen und Werte zerschlagen. Nach dieser Lesart, gezeigt in dem abschließenden Videoclip mit brennenden Autos und Kaufhausvandalismus, auf der Bühne legen sie die seelenlosen Städte in Trümmer, stellt der islamistische Terror im Sinne Hegels eine List der Geschichte dar und man wird den fatalen Eindruck nicht los, dass da ein wenig klammheimliche Freude zu spüren ist. Eine Selbstinszenierung statt Wagner. Schade!

Das Bühnenbild von Natascha von Steiger: konsequent. Die Fremde und Unerlöstheit braucht die Metapher des Meeres nicht mehr. Kleine Hochhäuser, in denen das Abgründige längst angekommen ist. Darüber die Protagonisten, Fleisch verarbeitende Mädchen wie tapfer das Gleichgewicht suchende und haltende Sängerinnen und Sänger. Vom Schiff bleibt eine Leiterwand. Eine umfriedende Mauer, die die Begrenztheit dieses Lebens anzeigt, so niedrig, dass eine Ahnung von einem anderen Horizont bleibt. Puristisch, und das ist gut so, denn die massierten Videoeinspielungen sind eines jeden Bühnenbildners Tod.

Die Kostüme von Dorothee Scheiffahrt: Nichts übertrieben, alles im Dienst der Aussage. Der Holländer ein Vertreter der Herrenwelt, weißer Anzug. Ein bürgerlicher Verlobter Typ Immobilienmakler, im braunen Cordanzug. Senta mal Dame im Abendkleid, mal einfaches Mädchen. Mary im 50er Jahre look. Schelmisch die Idee, dem kleingewachsenen Steuermann nochmals ein zu kleines Matrosenhemd zu verpassen.

Das Gewandhausorchester unter Leitung von Leopold Hager spielt sich zunehmend in Höchstform. Einfühlsam, wie auf jede zusätzliche Dramatisierung verzichtet wird, die Romantik wenigstens hier ab und zu zu spüren ist. Das Orchester stets im Dienst des Gesangs. Um aufzutrumpfen, wenn seine Zeit gekommen ist. Große Wagnerinterpretation.

Weltklasse auch Chor und Zusatzchor, einstudiert von Sören Eckhoff. Das aufgebrachte Publikum gerät in diesen Szenen in einen seelischen Aufruhr der anderen Art. Staunen, Begeisterung, Entzücken.

Die betreten den Applaus entgegennehmenden Protagonisten im Einzelnen: James Johnson als Holländer ausdrucksstark, die gebildete Stimme gibt der Rolle beeindruckend Charakter und Überzeugung. An der mangelhaften Personenführung trägt er die geringste Schuld. Darum völlig unverständlich und unverdient vereinzelte Missfallenskundgebungen. In der Rolle der Senta Edith Haller, Bayreuthsängerin. Dass sie in die Tradition schlanker Stimmführung einzureihen ist, nimmt ihr nichts von der Ebenbürtigkeit mit dem Holländer. Besonders stark in den lyrischen Passagen. Vom Publikum frenetisch gefeiert: James Moellenhoff, ganz stark als Dalant. Bezwingend, eindeutig, geradlinig in der Stimmführung. Eine große Leistung auch von Michael Baba als Erik, allem Unsinn zum Trotz, den ihm die Regie auferlegt. Seine Stimme mit Glanz, Wärme und Seelenkraft. Dan Karlström füllt die Rolle des Steuermanns mit Witz und Verve aus. Eine einschmeichelnd schöne Tenorstimme. Susan Maclean füllt die Rolle der Mary souverän aus.

Das Publikum verdient ein Extralob: Wie es zwischen dem Beifall für die Künstlerinnen und Künstler und den Missfallenskundgebungen gegenüber dem Regieteam unterscheidet. Dass viele nur den darstellenden Künstlern zu liebe sitzen geblieben sind. Für den auch gespendeten Beifall am Ende für den Regisseur und damit sein durchaus ernsthaftes Anliegen honorierten. Dafür, dass man auf den möglichen Abbruch und großen Skandal verzichtet hat. Die Oper Leipzig schaute an diesem Abend mehr als einmal in den Abgrund. Für alle Zocker: Man sollte Wetten ablegen, dass entweder die Videoeinspielungen überarbeitet werden oder das Stück keine zehn geplante Aufführungen erleben wird.