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16.7.2024 : 5:50 : +0200

Calixto Bieito mischt Mannheim auf

25.07.2008

Wenn für den Besuch einer Oper das Schutzalter 18 gilt, war Calixto Bieito mit im Spiel. Seine Inszenierung von Mozarts Entführung aus dem Serail an der Komischen Oper Berlin, als Gastspiel in Mannheim, analysiert Frank Herkommer für opernnetz.de

Coming home, Amadeus
 
 

 

 

"Täuschte sich die Liebe, war es ein Traum?“(Frau)- „ Zitterst du nicht vor der Gewalt, die ich über dich habe?“ (Mann). Zwei zentrale Sätze aus dem Breznerschen Libretto für Mozarts Singspiel, über den Schaukästen der Liebesdienerinnen am laufenden Band wiederholt, die von der Schwierigkeit zu lieben erzählen. Calixto Bieito, der wie gewohnt kein Blatt vor das Geschlechtsteil hält, zeichnet eine pessimistische Deutung, wie es zwischen den Geschlechtern bestellt sei. Überall Tod (als Mächtigkeit) und Erinnerung (als männliches Rückfallsmuster), nichts als Angst und ihr Sedativum, die Gewalt. Aus dem Aufklärer und großmütigen Bassa Selim wird der ausgebuffte Bordellbetreiber, wie ein Haremshalter mit der „barbarischen Verfügung über Arbeit und Eigentum der Frau“(Adorno), Konstanze eine Zwangsprostituierte, die dem Charme dessen archaischer Männlichkeit kaum widerstehen kann, Blonde eine gewöhnliche, funktionierende, die Regeln internalisiert habende Prostituierte (der bürgerlichen Versorgungsehe entsprechend). Osmin, der brutalstmögliche Türsteher und Zuhälter, Pedrillo als Faktotum im Puff und bester Freund der Nutten und Belmonte als sowohl Befreier wie neuer Pascha.

Bieito verherrlicht nicht die Sexualität, er setzt ihre Thematik und drastische Darstellung nicht als Provokation um der Provokation willen ein, ganz im Gegenteil: Ihr mechanischer Gebrauch entbehrt jeder Erotik, „man reibt nur das grobe Leder aneinander ab“ (Georg Büchner). Immer auf der Suche nach dem ultimativen Kick, nach der jedes Tabu sprengenden Sauerei, wenn man nach erfüllten Sequenzen erneut ins Leere stößt.

Dass die Darstellung des Sexuellen immer wieder ins Lächerliche abzugleiten droht, ist also mehr als dem Sichtbaren geschuldet. Und wenn die unglücklichen Vier „Es lebe die Liebe!“ schmettern, gerät es zu einem bierseligen Spottlied auf eine verfahrene, letztlich hoffnungslose Lage. Besonders verstörend und zu einem vorzeitigen, kleineren Exodus der wirklich und der gewollt Empörten führend, einmal mehr das Abschlachten einer Frau. Als habe man vergessen, dass die größte Glaubensleistung für die drei abrahamitischen Weltreligionen die Bereitschaft darstellt, sogar ein Kind im Namen eines Gottes abzuschlachten. Dass in dieser Produktion den Künstlern (und abgestuft dem Publikum) von diesem Verismo der besonderen Art oft Unglaubliches abverlangt wird, soll nicht ungewürdigt bleiben. Die eigentliche Provokation Bieitos bleibt die Aussage: Unter den Bedingungen der Fetisch- und Warengesellschaft ist die große Liebe reine Fiktion, eine Täuschung des wishful thinking. Konsequent das Ende: Gewagte Liebe macht tödlich verwundbar. Bieito bestätigt das an Bassa Selim und Konstanze. Nebenbei gelingt dem Regisseur ein bedrückendes Psychogramm der Welt der Prostitution: Nichts trauriger, von Öde, ungelebtem Leben, Verdinglichung und enttäuschter Hoffnung erzählend, als der leere Stuhl im Schaufenster der Sinnlichkeit, auf ein Kurzes verlassen. Der Regisseur setzt einer Rezeptionsgeschichte von Großherzigkeit und Aufklärung, die den Fokus auf Bassa Selim richtet, eine abgründige Schau in die beschädigten Möglichkeiten von Beziehungen entgegen als eigentlichem Anliegen Mozarts. Amadeus, der ein Leben lang gerne und lustvoll an den Zotenzitzen zutzelte und an dieser vulgären Darstellungsweise sein besonderes Vergnügen gehabt hätte, back home in seinem Mannheim.

Das Bühnenbild, gestellt von der Komischen Oper: eine Arbeit von Alfons Flores, stringent und kohärent. Das gläserne Bordell, Einzelseparees in Glaskästen, Projektionsflächen fürs Frauenbild in der Werbung; Amsterdam-Schaufenster, wo sonst die Intendanz ihren Platz einnimmt, Buchstaben-Laufzeilen für Poesie und Puff, echte Duschen, unter denen man Schuld und Schweiß abzuspülen bemüht ist.

Für die Kostüme verantwortlich Anna Eiermann: Das Adamskostüm gehört zur Dauererscheinung auf der Bühne. Liebevoll und milieugerecht die Ausstaffierung der Professionellen: vom Babydoll bis zur Domina, vom Stiefelluder bis zum blonden Naivchen.

Das Orchester der Komischen Oper Berlin unter Leitung von Stefan Klingele versteht es, das verwöhnte und sachkundige Publikum in Mannheim zu begeistern. Der düsteren Sicht Bieitos (aber auch Mozarts?) steht die Leichtigkeit, Verspieltheit und die lebensbejahende Fröhlichkeit der Musik entgegen, deren Charakteristika das Dirigat voll entspricht.

Alle sechs Sängerinnen und Sänger haben das Prädikat „gut“ verdient. Brigitte Christensen entzückt und bedrückt als Konstanze, die aus der verängstigten, im Käfig gehaltenen Frau zu einer dem Bassa Selim Ebenbürtigen wächst, genau so letztlich zum Scheitern verurteilt wie er, wenn sie aus dem vorgegeben Rahmen einer beschädigten Welt herauszutreten versucht. Große Stimmkultur. Guntbert Warns überzeugt mit kraftvoller, nuanciert interpretierender, klarer Stimme und exzellentem Spiel als Bassa Selim. Karolina Andersson verkörpert vollendet mit Blonde die angepasste Frau, die ihre Überlebensstrategien hat, ihren schönen Körper einzusetzen weiß. Ihre Stimme erzählt eine Gegengeschichte von Autonomie und Beherrschtheit. Unter der blonden Perücke eine kluge Frau. Edgaras Montvidas verfügt über eine außergewöhnliche Belcantostimme, vollendet eingebracht, die dem Belmonte Charakter und Statur verleiht. Vom Mannheimer Publikum besonders umjubelt Christoph Späth als tätowierter („Chacqu'un à son goût“) Pedrillo. Ungemein witzig und eloquent, stimmlich einer, der in den Bann zu schlagen weiß. Last not least der herrliche Bass von Jens Larsen, in den tiefsten Tiefen Zuhause, viril, interpretationsmächtig, in der Rolle des Osmin verschlagen, dumpf- brutal.

Das Publikum: Das Haus ausverkauft bis auf den letzten Platz. Die Stimmung bei einer qualifizierten Minderheit aufgeheizt, zum Teil voreingenommen, von empörtem Zorn bis zur blanken Wut, die Reaktionen von verletzt bis verletzend, köstliche Zwischenrufe und dümmliche Buhrufe bei der Bedankung bei den Künstlern. Unhöfliches Türenschlagen beim vorzeitigen Abgang, einige verpassten den rechten Zeitpunkt und benahmen sich einfach nur schlecht. Die überwältigende Mehrheit blieb und goutierte einen außergewöhnlichen Opernabend. Operndirektor Klaus-Peter Kehr fragte in der anschließenden, sehr sachlichen, auf hohem Niveau stehenden Publikumsdiskussion im Oberen Foyer vorsichtig an, was die negativen Reaktionen möglicherweise über den Reagierenden aussagen könnten. Die übergroße Mehrheit war offen für Bieitos Regie, ließ sich darauf ein, genoss sie mutatis mutandis und war dankbar, dass das Haus den Mut hatte, die Berliner einzuladen.