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16.7.2024 : 4:53 : +0200

Weltpremiere in Erfurt: Martin L.-Das Musical

08.07.2008

Luther und ein Musical- Frank Herkommer hat für opernnetz die Welturaufführung in Erfurt beobachtet

Gewitterdräuen

Schwere Kost, würde Klitschko sagen. Øystein Wiik, der Librettist des Martin-Luther-Musicals, nimmt dem welthistorischen Thema nichts von seinem Gewicht. Theologisch versiert, geschichtsphilosophisch aufgestellt (pro Jakob Burckhard, contra materialistisch-marxistische Interpretation), psychologisch differenziert, historisch kundig, frech und humorvoll, schriftstellerisch mit aller kompositorischen Freiheit zaubert er eine Lutherinterpretation auf die Stufen zwischen Dom und St. Severikirche, die die Lust auf Unterhaltung, Aufklärung und Diskurs bedient. Weltgeschichtlichen Bewegungen entsprechen innere.

Wiik zeichnet diese ein in den Plot über die Kunstfigur des (Junker) Jörg, jenem Pseudonym, das dem Schreiben ohne Unterbrechung auf der Wartburg den Schutz gewährte und Weltliteratur Neues Testament zum Ergebnis hatte. Keine zweite Seele, kein alter ego, vielmehr die Ambivalenz, die jeder Entscheidung und Positionierung innewohnt in Umbruchzeiten individueller wie kollektiver Art. Zudem visualisierte Gewissenskämpfe. Wiik nimmt über diesen Hermeneuten die Nach- und Deutungsgeschichte mit hinein, sozusagen die Argumente der Gegenreformation und die vernichtende Kritik der reformatorischen Linken. Jörg spricht aus, was die Psychoanalyse an Verdikten über den Reformator bereit hält. Das Gewitterdräuen als Bedienen von Luthers Angstneurosen. Seine cholerischen Anwürfe, die er über Bilderstürmer und Chiliasten ausschüttet wie Gülle und dem späteren Abschlachten damit die Argumente liefert. Anfängliche Zögerlichkeiten und sein Zaudern vor dem Reichstag zu Worms, die in theologisch sauber herausgestellten reformatorischen Prinzipien wie dem sola scriptura und dem sola gratia ihre Auflösung erfahren. Wiik zieht die Liebesgeschichte mit Katharina von Bora vor, sie erscheint vor dem Klostereintritt Martins als fiktive „Beatrice“ Ursula und weist auf den sinnlich-erotischen Aspekt des Umbruchs hin, den die lutherische Orthodoxie später schmählich verraten hat. Dem Musical gelingt es, über die Alternativen Thomas Müntzer als dem Vertreter der Linken (er zitiert Proudhons Diktum, dass Eigentum Diebstahl sei) mit seinem Traum vom Dritten Reich (als Herrschaft des Heiligen Geistes und der Wiederherstellung des urchristlichen Kommunismus) und Martin Luther als Protagonist von Staatstreue und Volkskirche herauszuarbeiten, was damals die Alternative war. Köstlich die Institutionskritik an der Una Sancta, wenn der Papst in einem von fünf Tenniscaddys (und das vor dem katholischen Dom zu Erfurt) vorfährt, ein Kapaun, dem jedes strategische Verständnis abgeht. Die Entzauberung Friedrich des Weisen als Mann, der neben humanistischen Sympathien auch knallharte Interessenspolitik betrieb, gehört mit zu den diskursverdächtigen Anliegen Wiiks. Wunderbar der Schluss, der die Offenheit historischer Prozesse anzeigt. Nach der Niederlage der Bauern spricht Luther seine eigenen letzten Bettler-Worte, ante hum sozusagen. Die Nachgeschichte hat längst begonnen.

Matthias Davids inszeniert diese hochkomplexe und intensive Geschichte um Geschichte in einer gelungenen Balance, die oberlehrerhafte Belehrung vermeidet, ohne die Tiefe und Dichte zu verraten. Nutzen und Frommen der Historie, ohne übliche Patina und langweilenden Staub.

Die Musik von Gisle Kverndokk kongenial. Ein feste Burg auf der E-Gitarre, Choral zu Psalm 23 am Schluss, Bauerntänze und rockige Songs, ein Universum an Musikrichtungen wird gekonnt aufgebaut, um von Philipp Tillotson unterm (Zelt-)Dach vorzüglich umgesetzt zu werden. Unter seinem Dirigat erbringt das Philharmonische Orchester Erfurt eine hervorragende Leistung, wie der Opernchor des Theaters Erfurt, dem Andreas Ketelhut sichtbar Freude am vermeintlich seichten Genre Musical entlockt hat. Voller Verve stürzen sich die Chorherren und -damen ins Historiengetümmel, choreografisch bestens aufgestellt von Kurt Schrepfer. Herausragend seine gnostische Himmelfahrt, vorbei an den bösen Sieben (Planeten), seine Parodie auf den hieros gammos.

Knut Hetzer gelingt es, den überwältigend schönen Raum in das Geschehen aufzunehmen, ohne den bedrohlichen Charakter der Ungleichzeitigkeit (wie ihn der ungleichzeitige Islamismus in unsere Welt bringt), vielmehr mit seinem utopischen Überschuss. Überdimensionale Pflöcke eingerammt, die aufbrechen, Verwerfungen hervorrufen, gefährden. Beide Reiche, das geistliche wie das weltliche. In Leidenssituationen angestrahlt und an die Nägel am Kreuz verweisend und damit die Reformation unter das Kreuz stellend. In Hoffnungs- und Versöhnungsvisionen das Portal der Severi-Kirche mit Christus und Maria angeleuchtet. Hauswände mit den 99 Thesen. Die Domterrasse als Ort der Erhöhung des Volkes durch Münzer und Konsorten. Die Kostüme wunderbar sinnenträchtig und wo angebracht humorvoll.

Die gesanglichen Leistungen durchwegs ansprechend. Petra Madita Kübitz mit der Musicalstimme schlechthin, die Hörer erobernden Höhen, als Ursula. Carsten Lepper gibt einen selbstbewusst auftretenden, zum Tintenfasswurf provozierenden Jörg mit angenehmer, erstaunlich voluminöser Stimme, Yngve Gasoy-Romdal einen vorzüglichen Martin, der die Zerrissenheit glaubhaft und nachvollziehbar macht. Seine kultivierte, baritonale Stimme gibt dem Welttitanen die gebührende Ausstrahlung. Herrlich komödiantisch, wie Fernand Delosch Bunzel und Tetzel mimt und singt. Dekadent und an der Grenze zum Debilen, wunderbar überzeichnet Charlie Serrano als Leo X. Axel Meinhardt überzeugt als Vater Hans Luther und vor allem als Friedrich der Weise. Matthias Sanders baut stimmlich wie schauspielerisch ein überzeugendes Gegengewicht zu Martin Luther auf in der Rolle des Thomas Müntzer.

Das Publikum erträgt die unmöglichen Sitze, als ersparte es sich mit den Schmerzen einen Ablass. Warum in aller Welt keine Kissen? Ab und zu zaghafter Zwischenapplaus, am Ende ein donnernder Schlussapplaus. Von der Kulisse überwältigt, vom Stück sehr angetan. Um sich, wie bei Festspielen üblich, in alle Richtungen zu zerstreuen. Genau rechtzeitig setzt erst jetzt der Regen ein. Das hindert die meisten nicht, dem herrlichen Erfurt auch kurz vor Mitternacht noch ihre Reverenz zu erweisen. Schnell noch hin!

Frank Herkommer

Und hier gibt's Extrapunkte:

Libretto: Komposition: