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18.12.2018 : 22:59 : +0100

Hello Dolly am Pfalztheater

01.11.2011

Ein Genuss für alle Sinne und eine Astrid Vosberg in Höchstform. Das Fazit von Frank Herkommer in seinem Starken Stück.

Mein starkes Stück: Hello, Dolly!

Zauberhaftes Kaleidoskop

 

Verzauberung gefällig? Dann nichts wie hin! Stefan Tilch, Passauer und Chef am Landestheater Niederbayern, schmiedet mit Oberbayer Johannes Reitmeier die Achse des Südens und beglückt die Pfalz und Kaiserslautern mit einer bunten, Auge, Ohr und Herz erfreuenden Inszenierung des ewig grünen Musicals „Hello Dolly“. Wie immer hat der Erfolg viele Väter. Und Mütter.

Grün schon deshalb, weil Rodrigo Tomillo, seit der Matinee Senor „sensationell!“, die distinguierten Damen und Herren unten im Graben zu einer so fetzigen, alle Patina abswingenden Interpretation inspiriert, dass man meinen könne, Jerry Herman hätte gerade erst gestern über den Noten -und dem Text- gebrütet.

 

Eine Astrid Vosberg, der die Rolle der Charme versprühenden, zielstrebigen, wandelbaren, geschäftstüchtigen, eloquenten und vor allem attraktiven Heiratsvermittlerin Mrs. Dolly Levi geradezu auf den steppenden Leib geschrieben zu sein scheint. Mit Zwischentönen, die eine nachdenkliche Frau zeichnen, die nicht nur ihr Glück sucht, sondern das des Halbmillionärs und Griesgrams, Personalschinders mit Tendenz zum Antiepikuräer Horace Vandergelders auch. Schau an, Kaiserburgschauspieler Peter Nassauer, er spielt nicht nur den Ausbeuter, Geizigen und Liebeskapitulanten gewohnt intensiv, ohne aufdringlich zu wirken, er kann auch noch singen! Die Vosberg sowieso!

Gewollt aufdringlich die herrliche Geertje Nissen. Mit einem (aufgepolsterten) Hintern, der jedem Brauereigaul den Konkurrenzschweiß aus dem Fell tropfen ließe. Wunderbar dümmlich und vulgär als Ernestine Money, die solches nicht hat, aber gerne hätte! Von dem, der plötzlich mit leerer Börse dasteht. Aber das sollten Sie selbst sehen!

Gleich zwei Jack springen aus der Box. Daniel Böhm und Julian David. Aus der Luke, die die kleine Kellerwelt der Zukurzgekommenen mit dem Laden in Yonkers verbindet. Aus dem sie ohne Erlaubnis in die große Stadt New York aufbrechen. Ein strahlender Bariton, der sich nichts vergibt, einen Abstecher ins leichte Fach zu wagen. Mit einer unbekümmerten Spielfreude, sichtlichem Spaß an Tanz und Choreographie und mit einer erfrischenden Leichtigkeit. Und einer Stimme, die nicht nach Oper klingt, wenn sie Musical meint. Dort zuhause eines der großen deutschen Talente dieses Genres: Julian David. Der den älteren Cornelius Hackl bewundert, als Barnaby Tucker göttlich tanzt, das Publikum zu einem Aufschrei zwischen Besorgnis und Bewunderung animiert, wenn der Jüngling fliegend ins Spagat spreizt. Die junge Musicalstimmeauf deutschen Bühnen! Arlette Meißner eine zauberhafte Modistin, erwachsen, reif, nicht blond und trotzdem anmutig. Mrs. Molloy steht eine Susanne Permerl zur Seite, ihre Assistentin Minnie Fay, wunderbar spießig und mit Lust auf ein Abenteuer zugleich. Zwei Komödiantinnen, deren Songs einfach nur Laune machen. Manuel Lothschütz gibt den Ambrose Kemper, alle freuen sich, wenn sein tanzabweisendes Liebchen Ermengarde seine Mischung aus Schreianfall und Heulattacke anstimmt ( Anna Port). Bernhard Schreurs darf nicht fehlen, der Mann für alle Rollen am Pfalztheater, ein schriller Rudolph in einem teuren Restaurant.

Zum Kaleidoskop gehören Bilder. Es ist, als säße man in einem Panoptikum und begäbe sich auf Zeitreise. Ins New York des vorvergangenen Jahrhunderts. Eingeblendete Stadtpläne, dann ein offener Zugwaggon, die Straßen fliegen vorüber wie in einem Western oder Spielfilm von Anno Tabak. Zurück in den fünfziger Jahren. Die Sequenzen lassen keinen Augenblick Zeit für Langeweile. Irre Technik, der Herr der Illusionen Karl-Heinz Christmann, längst international gefragt, drei Lichtquellen gleichzeitig erzeugen 3D-Illusion auch ohne Zusatzbrille. Der Laden von Horace Vandergelder, eine britische Puppenstube, man kann sich nicht sattsehen an den Details, ein wenig Gute Nacht, John-Boy- Atmosphäre, wenn oben die Lichter angehen. Kostüme und Bühne very british und stylish von Charles Cusick Smith und Philip Ronald Daniels. Der mit dem Schottenrock.

Der Chor reißt mit, wie gewohnt fein einstudiert von Ulrich Nolte.

Stefano Gianetti hat nicht nur seine Company bestens vorbereitet, raffiniert, wie er sie einmischt in das Geschehen, das ganze aufpeppt und Schwung in das Geschehen bringt, auch die singenden und spielenden Protagonisten bewegen sich, als seien sie durch seine Schule gegangen: Einer, der mehr aus einem Künstler heraus holen kann, als er selbst in sich vermutet.

Man kann – wie zu beweisen war-ein Stück in seiner Zeit lassen, wenn man so viel Phantasie und Kreativität, Witz und Esprit, technische Mittel und Qualität der Künstlerrinnen und Künstler einbringt, wie Stefan Tilch und Dramaturg Andreas Bronkalla das getan haben. Was für ein zauberhaftes Kaleidoskop!

Ihr Kulturbeutel

Frank Herkommer