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Butterfly im Willi-Magazin

27.09.2011

Nach der Kritik für opernnetz.de bespricht Frank Herkommer im Boulevardstil noch einmal die Inzenierung von Ernö Weil für das Willi-Magazin

Mein starkes Stück: Madama Butterfly

Apfelblütenträume

Madama Butterfly. Romanvorlage Madame Chrysanthème, Pierre Loti. 1887. Uraufführung. der Puccini– Oper 1904. Die Geisha als diskrete Gesellschafterin, über deren verursachte Wonnen der amerikanische Gentleman schweigt und sie genießt. Direkte Prostitution ist den Unterhalterinnen mit musikalischer Grundausbildung im Japan des 19. Jahrhunderts ebenso verboten wie heute. Keine Konkurrenz den Konkubinen! Aber da ist ja noch Adorno. Die Versorgungsehe, in der Frau und Mann verdinglicht werden, sie, weil sie gibt, was sie nicht sucht, er, wenn er die ein Leben lang ernähren muss, die er ein Mal ( zeitlich oder numerisch) begehrt hat. Nicht auch eine Form von Prostitution?

Ernö Weil macht keine Nana aus Cio – Cio – San. An deren Person Emile Zola, der große Ankläger, ohne Richtgeist in schonungsloser Offenheit die Erbärmlichkeit und Unreife einer typischen Prostituierten erstmals und psychologisch meisterhaft zum Gegenstand von Literatur machte. Der Intendant des Theaters in Regensburg, im regen „Kanzeltausch“ mit Johannes Reitmeier, inszeniert eine „Madama Butterfly“ am Pfalztheater, die dem Zuschauer die Erkenntnis nicht erspart, welchen Charakter letzten Endes das Gewerbe von Frau San hat. Das Gewerbe von Fräulein San, Missis Pinkerton. Chordamen, im knalligen Nuttenlook, ein Konsul, dem man die Verlegenheit abspürt, sich zum Einfädler dieser Liaison machen zu lassen. Loddel light. Die Hochzeitsnacht, nicht plumpe Einladung zum Voyeurismus, das hat Weil nicht nötig, aber das Bett auf der Bühne, bevor die Schiebewand die beiden ihrer ersten Nacht alleine überlässt. Beide am Ziel, das nicht das Selbe ist.

Eine Aufführung, die nachhaltig beeindruckt.Deren Bühnenbild und Kostüme Geist und Auge gleichermaßen beschäftigen und beglücken. Verantwortlich dafür Karin Fritz. Ein bildschöner Seidenkimono, dessen am Rücken geknoteter Obi wie ein Rucksack wirkt. Ein Apfelbaum im Vorgarten, dessen Blüten die Welt der Butterfly ein ein letztes Mal verzaubern. Ein Cola – Logo und american culture steht in Gestalt eines Kühlschranks im Raum. Schwarze Spiegel, in denen man sich nicht sehen kann wie man ist. Subtile Lichtinstallationen von Harald Zidek, die so auch eines der schönsten Bilder der Inszenierung ermöglichen. Wenn die von Ahnungen des Scheiterns versteinerte Cio – Cio - San stehend auf den Morgen der Entscheidung wartet, und ihre beiden Begleiter, Sohn und Dienerin Suzuki, einschlafend zu Boden sinken. Gethsemane, die letzte Einsamkeit Jesu bevor er verhaftet wird. Auch mit Butterfly wacht und betet niemand.

Ein Inszenierung, bei der man nach dem ersten Akt und der frühen Pause dem Theaterbesucher nur raten kann sich anzuschnallen. Als ob jemand die Schiebetüren beiseite geschoben und den Turbo angeworfen hätte! Angefangen beim Orchester, das unter dem Stab von Till Hass eine feurige, lautmalerische und ergreifende Puccini – Interpretation aus dem Graben erklingen lässt. Eine Adelheid Fink als Butterfly auf Weltklasseniveau! Alle Gefühle so intensiv gelebt, in die Stimme, in Mimik und Gestik gelegt, eine Körpersprache, die auch ohne Ton die Geschichte erzählen könnte, was sie gottlob nicht tut bei dieser außergewöhnlichen Stimme. Einmal mehr dringt sie in die tiefsten Seelenschichten ein, im doppelten Sinn: die ihrer Butterfly wie die des Publikums. Welche Färbungen, welche Stimmungsbilder, wie einfühlsam, hoffend wider alle Hoffnung, düster ahnend, mutig, gefasst sterbend. Übrigens, Chapeau für die Recherche, Ernö! Oder war es Dramaturgin Susanne Bieler? Harakiri für Frauen heißt jigai und wird tatsächlich mit der Haarnadel oder einem Kwaiken - Dolch in die Halsvene vorgenommen. Steffen Schantz bringt mit seinem Traum- Tenor alle Frauenherzen zum Schmelzen. Kann Leutnant Pinkerton noch jemand böse sein für das Ausnutzen pubertärer Traum(hochzeits)tänzereien einer Vierzehnjährigen? Bernd Valentin begeistert einmal mehr das Lautrer Publikum, dieses Mal in der Rolle des schönen Konsuls, Sharpless sein bezeichnender Name, der dann doch wächst und an Persönlichkeit und Kontur gewinnt. Hans- Jörg Bock, ein schmieriger Scheinehenvermittler, seine markante, reine Stimme schmeichelt der Seele. Melanie lang erntet Extraapplaus für ihre einfühlsame, poetische Intonation und Darstellung der Suzuki. Kurz, aber überzeugend der Auftritt von Susanne Pemmerl in der Rolle der Kate Pinkerton. Ihre erste Hosenrolle spielt die Tochter von Alexis Wagner (überzeugender bad priest als Onkel Bonze) und Adelheid Fink, Zwilling Anastasia Wagner. Es beeindruckt, in welcher Abgeklärtheit, Konzentration und Ernsthaftigkeit die geschätzt Sechsjährige (im Wechsel mit Schwester Rosalie) auftritt. Künstlerblut!

Auf der Bühne Peter Floch (Fürst Yamadori), Ralph Jaarsma (Kaiserlicher Kommissar), Michael MacBride (Standesbeamter), Hubertus Bohrer (Yakusidé), Ildiko Haulis ((Mutter), Galina Putintseva (Tante) und Frauke Dinse als Kusine. Was doch unser Chor an Talenten beherbergt.!Ein Chor, auch für diese Produktion in den dramatischen Auftritten vorzüglich eingestimmt von Ulrich Nolte.

Also, auf zum Reitmeierhügel oder ins Netz, Tickets besorgen!. Egal, ob Schantz oder Niklas Vespä als alternative Besetzung den flotten Leutnant geben. Ein vielversprechender Saisonauftakt.

 

Ihr Kulturbeutel

 

Frank Herkommer