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18.12.2018 : 22:50 : +0100

Die Feenkönigin- Purcelloper am Pfalztheater

09.07.2011

Selten kommt die Barockoper zur Aufführung, denn alle drei Sparten sind gefordert. Frank Herkommer für das Willi - Magazin dabei, wenn Urs Häberli die Shakespeare- Oper am Pfalztheater Kaiserslautern inszeniert

 

Penisneid

 

Nur sechs Vorstellungen. Die überhaupt nur durch Sponsoring ermöglicht werden konnten. Dank Michael Krauss und seiner Freunde des Pfalztheaters. Wie schade! So viele Kartenwünsche, aus nah und fern, die nicht erfüllt werden konnten. Aber länger lassen sich so viele Kräfte am Haus vermutlich nicht für ein Stück binden. Man wusste, warum man die Inszenierung ans Ende der Spielzeit legte. Wenn nicht simultan weitere Stücke einstudiert werden müssen. Oder Termine sich überschnitten.

 

Shakespeare als Barockoper.Die Feenkönigin. Titania aus dem Sommernachtstraum. Selten gespielt. Mit dem Potential, das Budget eines Hauses zu sprengen. Die künstlerischen Kapazitäten heillos zu überfordern. Nicht am Pfalztheater. Nicht, wenn Urs Häberli Regie führt. Der Operndirektor mit der spielerischen Leichtigkeit, hinter der akribische Arbeit steckt. Der Eroberer der Zwischenwelten von Traum und Wirklichkeit, an dem Sigmund Freud seine Freude gehabt hätte. Und Drewermann auch. Nicht nur in dieser Inszenierung. Jedes Detail als Sinnträger, Symbole aus den tiefsten Seelenschichten. So schwebend wie unsere ganze Existenz noch in der Schwebe ist. Der als künftiger Intendant dafür sorgen wird, dass nicht wieder eingerissen wird, was Johannes Reitmeier über eine Dekade aufgebaut hat.

Mit einem Dirigenten, der das kleine Barockorchester, auf einer Höhe mit dem Publikum, zu einer beeindruckenden Klangreinheit und spielerischen Präzision führt. Mit räumlichem Wechsel einzelner Instrumente auf die große Bühne, eingebunden in das dortige höfische Geschehen. Aus der oft empfunden Gleichförmigkeit barocker Intonsetzung wird sprühende Lebensfreude, Witz und Abwechslungsreichtum. Wenn Uwe Sandner, der GMD mit internationalem Spitzenruf, jedes Wort der Texte kennt und mit Verve einbringt. Jeder taube Lippenleser könnte sich die Lektüre des Librettos ersparen. Und das Pfalztheater sich die Souffleuse.

Der Sommernachtstraum. Wo die Grenzen zwischen den verschiedenen Sparten in einleuchtender Konsequenz aufgehoben werden. Ein Ballett, das nicht einfach Einlagen darbietet, multipräsent, mit Deutungsaufgaben, die an den klassischen griechischen Chor erinnern. Stefano Giannetti, der Ballettdirektor mit Vergangenheit, selbst in der aktiven Zeit ein Startänzer, verbindet hohe athletische Ansprüche mit äußerst ansprechender Ästhetik, subtiler Psychologie und profunder Philosophie. Unglaublich, wie schnell die umgebaute Company zu einer perfekten Synchronizität gefunden hat. Körper, die zu Hieroglyphen werden. Ein Chris Kobusch, der einem die Bangheit bei der Frage nimmt, wer einmal die Rolle von Adonis Daukaev ausfüllen können wird.

Sängerinnen und Sänger, die schauspielerisch und mit Sprechtexten gefordert sind wie selten. Schauspieler, die ungeahnte Talente an den Tag legen und mit überraschend guter gesanglicher Leistung aufwarten.

Die Schauspieler. Der vorzügliche Jan Henning Kraus als Oberon/Theseus. Die tiefe Stimme virtuos in den Gesangstücken eingesetzt. Kein Wackeln, kein Halbprofitum. Polymorph Oberons Sexualität. Man ahnt, warum er den Knappen (Elias Kespohl; ein Mädchen: Katharinas Heisler) gerne unter seine Fittiche nähme ( sehr jung!Wie bei den alten Griechen eben). Köstlich, wenn sich Puck gegen seine Annäherungsversuche wehrt, aber nur, weil er kein „Mann“ für eine Nacht ist. Dabei bleibt Oberon ein Frauenheld, dessen Brustvlies nicht nur auf der Bühne Sehnsüchte weckt. Elif Esmen, die der Helena wunderbar dramatischen Charakter verleiht. Markus Penne ein glaubwürdiger Demetrius, dem man die Verwirrung abnimmt.

Was für ein irre witziges Team rund um den sensationellen Henning Kohne. Man hat schon viele Zettel gesehen, mutiert zur Erkennbarkeit als Esel, aber noch keinen mit so mächtigem Gemächt. Da wär selbst bei Pornolegende John Holmes Penisneid aufgekommen. Kohne, mal der geltungsbedürftige Allrollenvereinnahmer, dann der ewige Lausbub, ein virtuoser Zettels Traum- Interpret, dann ein viehisch komischer Liebhaber. Außer den üblichen Frigiden und Moralingetränkten brüllt der Saal vor Lachen. Wie auch niemand sich dem Charme von Daniel Mutlu entziehen kann, der als Franz Flatt von der Handwerkertruppe dazu verdonnert wird, ein Mädchen zu spielen. Er spielt mit dem Publikum. Ein durchtriebener Naiver. Hinreißend! Dominique Bahls glänzt als Peter Squenz, dem die Felle davon zu schwimmen drohen, der aber auch beeindruckend gut singen kann, Günter Fingerle brüllt gekonnt als treudoofer Löwe, Oliver Burkia eine Mauer, die einen den Verdacht nicht loswerden lässt, dass er das Publikum auf und vor der Bühne auf den Arm nehmen möchte.

Die Sänger. Die wunderbar deklamieren können. Begeisterung ruft der Countertenor Thomas Diestler hervor. Ein Gast der Extraklasse . Seine Interpretation des Puck gehört zu den Höhepunkten eines wahrlich an herausragenden Leistungen nicht armen Abends. Giannetti würde ihn sofort engagieren, so geschmeidig, so körpersprachlich, wie er sich bewegt. Er wirbelt und tänzelt und springt über die Bühne, so quirlig, wie man sich einen Troll vorstellt. Er spricht mit einer virilen Bestimmtheit, dass man alles, nur kein Falsett erwarten würde. Er singt, ohne pressen zu müssen, eine Stimme, die Kolorit,Wärme und Ausstrahlung technisch unverkrampft vereint.

Die Titelfigur. Astrid Kessler eine jubelnde Titania. Eine Stimme, die geschaffen zu sein scheint für Barockmusik. Eine Feenkönigin, die Charakter zeigt. Schauspielerisch wie in der Stimme. Mit Susanne Pemerl findet Hermia eine weitere Idealbesetzung.

Arlette Meißner und Daniel Böhm zeigen, was das Haus an hoher gesanglicher Qualität zu bieten hat. In Nebenrollen glänzen Hans- Jörg Bock,Alexis Wagner, Elena Laborenz und Dominique Engler.

Ein präsenter Chor,von Ulrich Nolte wie immer ausgezeichnet eingestellt. Spielfreudig und gesangschön.

Ein intelligentes, variables Bühnenbild, Grundbild englischer Rasen, das Anna Kirschstein entworfen hat. Kostüme, an denen man sich nicht sattsehen kann, erotisch, farbpsychologisch, klassisch, dann wieder zeitlos, eine Augenweide aus der Hand und der Phantasie von Marcel Zaba. 

Die Feenkönigin. Ein Ereignis. Von dem alle, die dabei waren, immer wieder begeistert erzählen werden.

Ihr Kulturbeutel

 

Frank Herkommer