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18.12.2018 : 22:48 : +0100

Ein Maskenball- Verdioper am Pfalztheater Kaiserslautern

06.06.2011

Eine anrührende Inszenierung und zwei Sänger auf dem Weg nach oben: Adelheid Fink und Steffen Schantz. Eine Rezension von Frank Herkommer für das WILLI- Magazin

Mein starkes Stück: Ein Maskenball (Oper von Giuseppe Verdi

Zwischen den Stühlen

Maskenball. Kling wie Operette für Fortgeschrittene. Peter Alexander - Schmonzette für Gebildete. Von wegen! Eine atemberaubend schöne Oper, mit allem, was es für ein Drama braucht. Die beiden großen Mächte im Leben, Liebe und Tod, haben ihren gebührenden Auftritt. Wenn der König von Schweden sich ausgerechnet in die Frau desjenigen Grafen verliebt, der an seiner Loyalität nicht den geringsten Zweifel lässt. In komplottschwangeren Zeiten. Okay, okay, der historische Gustav Drei war stockschwul, litt unter seiner Zwangsheirat und hätte sich eher in den Grafen als in seine Gattin verliebt. Wobei der auch in Kaiserslautern verdammt gut aussieht. Aber das auf die Bühne zu bringen, hätte Verdi zwischen alle Stühle gesetzt.

In unserer Oper beruht die Liebe auf Gegenseitigkeit. Was der König eher zufällig mithört, als die Angebetete der Wahrsagerin Ulrica, die Sibylle von Schweden, ihre Gefühle verrät. Beide entsagen ihrer Liebe, unabhängig voneinander, ein Opfer aus Treue, Anstand und vielleicht auch Staatsraison.

Zu spät, die Dame war zur falschen Zeit am falschen Ort. Der nur platonisch gehörnte Ehemann schließt sich den Verschwörern an und zieht in der Killertombola den Hauptgewinn. Das Ende ist dann wieder historisch belegt: Ein Schuss bereitet dem Maskenball ein jähes Ende. Aber abwarten: So schön und hingebungsvoll lang stirbt es sich selten auf Opernbühnen. Geschickt vom hochbegabten Jungregisseur. Holger Pototzki der Gefahr der Lächerlichkeit entnommen, indem er den liegenden Sterbenden aus sich heraustreten lässt . Ein Statist stirbt, ein Schantz agiert und singt.

Genial das Bühnenbild von Thomas Dörfler. Der überdimensionale Thron, mit einem stählernen Baldachin, der die Angst verstärkt, der Himmel könne einem auf den Kopf fallen. Ein Stuhl, ein Amt, das für jeden zu groß ist. Der sich dreht und eine Höhle kommt in den Blick, Inbegriff aller weiblichen Anteile, wo sich der König einrichtet und auf die Angebetete ausrichtet. Dann wieder ein Stuhl, wenn er zuunrecht (!) gestutzt wird, als Ehebrecher und regierungskünstlicher Versager. Zwischen den Stühlen.

Ja, ich wurde tatsächlich dabei beobachtet, wie ich ein ganzes Päckchen Tempos wässerte. Ich gebe es auch freimütig zu. Die Liebesarien der beiden Hauptprotagonisten gehören zu den ergreifendsten, die die Opernwelt zu bieten hat. Gesungen und gespielt in Hausbesetzung. Besser an keinem Opernhaus sonst zu hören. Eine Adelheid Fink, die alles hat, was es für eine Große braucht. Eine Stimme, die jedes Gefühl auszudrücken weiß, eine Technik, die als brillant zu bezeichnen ist, eine Präsenz, der sich niemand entziehen kann, Hingabe im Spiel. Eine zutiefst berührende Amelia. Der ein großartig aufsingender Steffen Schantz als Schwedenkönig gegenüber steht. Ein Tenor, der Engel zum Weinen bringen kann. So anrührend und ergreifend. Keine Besetzung, die im Niveau abfallen würde. Weder die beiden vorzügliche Gäste Jörn E. Werner und Michael Hauenstein, deren virile Verschwörerstimmen den Grafen Ribbing und Horn beeindruckenden Ausdruck verleihen, spielfreudig beide, schon gar nicht der wunderbare Michael Bachtadze, der sich mit filigraner Technik und einschmeichelnder Stimme in die Herzen des Lauterer Publikums singt. Ein René, der glaubhaft alle Widersprüchlichkeit auf die Bühne bringt. Ausdrucksstark der Mezzosopran von Yanyu Guo mit einer unverwechselbaren Färbung, die der Wahrsagerin Ulrica die numinose Unheimlichkeit eingibt, die ihr zukommt. Monika Hügel ein vorzüglicher Page, Daniel Böhm ist die Tonlage auf den Baritonleib geschnitten. Man könnte seinem Christian, der Matrose, noch viel länger zuhören. Schön, dass mit Bernhard Schreurs und Michael McBride zwei Chormitgliedern kleine Rollen zugeteilt wurden, die sie mit Witz und Verve ausfüllen.

Es muss gesagt werden: Selten, wenn überhaupt war der Chor, verstärkt durch den Extrachor, so überwältigend gut aufgetreten wie in dieser Inszenierung. Gänsehautproduzenten am laufenden Band. Die Noltetruppe sprengt alle bisherigen Dimensionen. Grandiose Choreographie, ein Regisseur, dem Gesten, Fingerzeige im Wortsinn, Raumaufteilung von größter Wichtigkeit sind. Der große, letzte Brechtschüler Achim Freyer wäre mehr als angetan. In Kostümen von Tanja Hoffmann, an denen man sich nicht satt sehen kann. Die Inszenierung unterstützt von Hausdramaturgin Susanne Bieler.

Die Statisterie überbietet sich selbst. In der Pause ist jeder überzeugt: Ballett! Von wegen! Wie sie sich anschmiegen, dem düsteren Ort Grauen eingeben. Wie sie auf slow motion umschalten, Pantomime vom Feinsten als gespenstisches Orchester.

Ein Till Hass, der die Instrumente im Graben neu aufstellt, was der ungeheuren Expressivität eine Musik aufhilft, deren Nuanciertheit, Tempo- und Stimmungswechsel einfach nur begeistert.

Jetzt halte ich Sie aber nicht mehr länger auf. Wer nun nicht Tickets bucht oder sich in die Schlange vor der Theaterkasse einreiht, ist ein hoffnungsloser Fall!

Ihr Kulturbeutel

Frank Herkommer