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18.9.2018 : 20:03 : +0200

Kasimir und Karoline

10.05.2011

Eine hoch aktuelles, anthroplogisch zeitloses Volksstück am Pfalztheater Kaiserslautern- Frank Herkommer war für Sie und WILLI dabei

 

Mein starkes Stück: Kasimir und Karoline

 

Von schlechten Menschen und guten Mimen

Wirklich ein starkes Stück! Zwei mal höre ich an diesem Abend im ausgedünnten Premierenpublikum diesen Satz. Aber, wie das so ist - wenn zwei dasselbe sagen, müssen sie noch lange nicht dasselbe meinen. Für die einen eine Zumutung, für die anderen eine hervorragende Produktion. Ödön von Horvaths „Kasimir und Karoline“, das Stück, das die seelischen Verstümmelungen, die Ausdünnung der Moral, die Kompromisse mit dem Leben im Falschen beleuchtet, die die Krise nach sich zieht. Das von der Unfähigkeit zu lieben erzählt, sei es aus Unreife, sei es, weil die Zeiten nicht danach sind, sei es wie bei einem Georg Büchner, weil der Mensch grundsätzlich nicht die Voraussetzungen mit sich bringt, um die ars armandi zu beherrschen. Elefanten, die ihre Haut aneinander reiben.Regisseur Stefan Maurer nimmt der Zuschauerin, dem Zuschauer die Antwort nicht ab. Genau das ist die Stärke dieser Produktion. Kein durchgängiges, stimmiges Psychogramm wird entworfen, keine innere Entwicklungsgeschichte der Protagonisten erzählt. Die notdürftig geschlossene Oberfläche wird zerrissen durch unzählige Momentaufnahmen, fragmentarisch wie das Leben selbst. So viel Text bei Horvath! Nach harten, notwendigen Streichungen hat Maurer den Mut, sich nicht vom immer noch immensen Resttext treiben zu lassen, Pausen, Schweigen zuzulassen. Nur ein Blick auf die souverän untätige Souffleuse versichert mitunter, dass hier kein Hänger vorliegt.

Grell und bizarr geht es zu, die vor Phantasie strotzenden Kostüme, aus der Hand und der Kreativitätabteilung von Stephanie Geiger, spiegeln dies reizvoll wider. Die Sentenzen noch kürzer als bei dem Österreicher mit ungarischen Wurzeln. Viele erzählen plastisch von der Verflachung, wenn Sexualität zum alles dominierenden Sinnstifter wird. An einem Ort der Kuriositäten, das Oktoberfest, heutig, sehr heutig, wie das Bühnenbild ebenfalls von Stephanie Geiger, Graffiti und Wände aus Bischoff- Bierkisten, das ganze so verschachtelt und sperrig wie die Wirklichkeit, mit Nischen für das Abseitige und die Verworfenen. Wie die Abnormität, ein Daniel Mutlu, der einmal mehr anzurühren vermag. Wenn er in seinem Rüschenrock, der sich schnell zu einer Supervagina drapieren lässt, auffordert, ihn für einen Groschen anzuspucken, der mit offenem Mund nach Liebe giert, um dann als notorischer Daumenlutscher vorgeführt zu werden. Um bei bösen Worten ein Stück Restwürde unter Beweis zu stellen und eine Verwundbarkeit, die man nicht mehr erwartet hätte. Über allem schwebt ein Zeppelin, der auf die Prävelenz der Technik im amerikanisch dominierten Kulturraum anspielt und deren desaströsen Folgen. Wie jeder Rummel die Ausrufung des Ausnahmezustands. Wo die Einfachen die Herrschaft über ihre Gefühle verlieren, zu dem regredieren, was sie im Innersten sind: Beschränkte und Beschädigte. Wo herrschaftliche Biedermänner die Maske fallen und die Sau raus lassen. Beschränkte und Beschädigte auch sie. Wenn der im Hintergrund bleibende Banker (der vorzügliche Reinhard Karow), eher Postillon d'amour für Direktor Rauch, im Suff die angestaute Wut heraus lässt. Wo Animateurin Hannelore Bähr bestimmt wie eine Domina aufruft zur Besichtigung der Dame mit der Affenbehaarung und des Jungen, der den Mund nicht aufmachen kann, die wahren Dickfelligen und Sprachlosen sieht die gebannte Zuschauerin, der Zuschauer vor dem Panoptikum. Um dann wieder gemeinsam mit der herrlich ordinären Antje Weiser auf unglaublich authentische Weise das Nuttchen mit blonder Perücke zu spielen, in seiner Infantilität, die sie bis in den Gang auszudrücken versteht, beide Mädel immer in Lauerstellung für eine Boshaftigkeit, wenn ihre Invektiven im schützenden Lärm rund um die Schiffschaukel verhallen. Wenn der Direktor (dem großartigen Henning Kohne auf den Leib geschrieben) seine Übertragungen vornimmt, den ganzen Selbsthass auf Karoline projiziert, nachdem er eben noch mit diebischer Freude sie dem werbenden Schürzinger ausgespannt hat. Gespielt von Markus Kloster, der dem Sadismus der Macht seines Direktors hilflos ausgeliefert ist, in dessen Gesicht man jede Seelenregung lesen kann, der weiß, dass er nur zweite Wahl ist. Der eine ganze und schlüssige Geschichte erzählt unter den vielen Fragmenten. Oliver Burkia ein authentischer Kasimir, dem man seine Grundanständigkeit abnimmt wie seine Unfähigkeit, zu viel Nähe zuzulassen. Erst als Erna, die Brecherbraut, sich ihm andient, kann er in eine Partnerschaft mit Aussicht auf einen längeren Zeitraum eingehen. Rainer Furch, ein Proll und Machtmensch durch und durch. Wer den sensiblen, differenzierenden, bescheiden auftretenden Schauspieler privat kennt, ist nicht erst seit seinem Kowalski jedes Mal neu fasziniert, wie er sich in Machorollen einfühlen kann. Marion Fuhs - was für eine gelungen Besetzung als Karoline! Mit aller Sensibilität ausgestattet, die diese Rolle verlangt. Die keine grellen Seelenfärbungen verträgt. Die sie mit jugendlicher Sinnlichkeit anreichert. Deren Ausbrüche sublim bleiben. In nichts nachstehend die schauspielerische Leistung einer Elif Esmen. Die ihre überlebenstüchtige Erna tiefgründig auslegt. Deren bedingungslose Loyalität einer Räuberbraut ebenso wie die Kunst des Überlebens an der Seite eines anderen Mannes.

Damals, Anfang der 30er, war es die Sparpolitik eines Brüning, die die Krise verschärft. Analogieschlüsse zur Krise heute vom Regisseur Stefan Maurer erwünscht. Aber für eine platte monokausale Weltsicht ist Horvath, der Erzähler der bekannteren Geschichten aus dem Wienerwald, viel zu klug. Das Schlechte im Menschen wird nicht nur als Folge, sondern auch als Ursache der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen gesehen. Horvath ist eben nicht Marx. Er stellt die anthropologische Frage, ob der Mensch von Natur aus böse oder sei oder er erst dazu gemacht wird, um sie mit einem klaren Sowohl - als - auch zu beantworten. Ein Stück anthropologischer Realismus.

Leicht zu beantworten ist die Frage, warum sich ein Besuch auf jeden Fall lohnt: Die schauspielerischen Leistungen haben es verdient, sich auf ein starkes Stück Theater einzulassen.