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16.12.2017 : 10:22 : +0100

So oder so - Hildegard Knef, Pfalztheater Kaiserslautern

17.11.2012

Hannlorer Bähr spielt und singt nicht Hildegard Knef, sie ist die Knef. Eine Produktion auf der Werkstattbühne, die Frank Herkommer, Korrespondent für Opernnetz, mehr als überzeugt hat

Rosenregen und Achterbahn

 

Es dauert ein, zwei kurze Auftritte und Hildchen lebt. Schnell vergisst Zuschauerin und Zuschauer, dass man im Theater ist. Weil Hannelore Bähr auf der Werkstattbühne die Distanz aufhebt zwischen Rolle und Person. Sie spielt nicht die Knef, sie ist nach wenigen Augenblicken die Knef. Die Sprechstimme rauchig-herb, mit allen Gefühlen, die angesichts einer Achterbahn-Biografie bei der aufkommen, die sie gelebt hat. Man spürt noch das Glück, das sie empfunden hat, als sie ihrer großen Liebe, David Cameron, begegnet war. Die radikale Endgültigkeit, als sie das gemeinsame Leben verlässt. Späte Konsequenz, aber dann ohne Rückfahrtschein ins alte Leben. Die nicht gespielte Naivität, was den Umgang mit Geld angeht, den sie schlicht nicht beherrschte. Das Selbstbewusstsein, wenn sie erzählt, wie sie die kulturelle Deutschlandblockaden, die über das Land nach den Jahren der Barbarei verhängt waren, stets als erste aufgehoben hat. Als erste in einem französischen Film, als erste am Broadway, als erste in Hollywood. Die Empörung schwebt im Raum, wie sie geächtet und gemobbt wird als „Sünderin“. Ihr Stolz auf vier Millionen verkaufte Gäule. Ihre Entdeckerin damals in Berlin, man muss kein Bild von ihr gesehen haben, um spätestens nach Bährs Interpretation ein Bild von ihr zu haben. Berühmtheiten stehen im Raum, herbei gezaubert durch die imitatorische Glanzleistung, wenn Hilde sich erinnert. Die Zigarette brennt, der Whiskey steht auf dem Flügel bereit. Wie sie sich bewegt, wie sie steht, ganz Künstlerin, mit einer Pose, die ahnen lässt, warum ihr Amerika und später Deutschland zu Füßen lag. Diese Hassliebe, gespeist aus der Unfähigkeit zu trauern, die sich an einer Frau abarbeitet, die ihrer Zeit voraus und der Intelligenz vieler ihrer Kritiker weit überlegen war. Triumphe und Niederlagen, Krankheiten, die nie den Verdacht los wurden, im Psychosomatischen ihre Ursache zu haben, Hannelore Bähr erzählt die verwegene Lebensgeschichte so glaubhaft, dass ein Bild entsteht, das auch ohne den Strohhut und die Sonnenbrille der wahren Knef sehr nahe gekommen wäre. Ein Kaleidoskop der Zeitgeschichte, in der sie sich bewegt. Eine immer auch politische Analyse, die den Weg über die Schilderung des Kulturbetriebs nimmt. Am Ende fällt das Licht auf den roten Rosenstrauß. Die Verehrung behält das letzte Wort.

Das Stück von Gilla Cremer lebt von einer Mischung aus linearer biografischer Erzählung und Gesang. Keine Nummernrevue, eher kommentieren die oft nur kurzen Ausschnitte das Gesagte. Immer wieder zitiert werden die beiden wichtigsten Lieder aus Sicht der Verfasserin für das Selbstverständnis der Knef. Für mich soll's rote Rosen regnen, Von nun an ging's bergab. Die Stimme erstaunlich ähnlich, Hannelore Bähr dürfte wie die Knef reagiert haben auf das Gesangsangebot und genauso überrascht gewesen sein, dass und wie gut sie es doch kann. Die Schauspielerin am Pfalztheater bringt die Natürlichkeit rüber, ohne die die sonst so komplexe Persönlichkeit nicht authentisch dargestellt wäre. Sie lebt auch von einer vorzüglichen Personenführung, die die Regiearbeit von Wolfgang Hagemann auszeichnet. Das Bühnenbild nimmt den Flügel mit in das Geschehen, bis zu Dialogen zwischen der Knef und dem idealtypischen Pianisten. Frank Kersting, Pianist mit Leib und Seele, alles, nur kein Schauspieler, was ihn in seiner schüchtern ausgefüllten Nebenrolle so sympathisch macht, dafür ein exzellenter Herr der schwarz-weißen Tasten.

Die Kostüme, die ebenso von Oliver Kostecka entworfen wurden wie das Bühnenbild, gehen mit der Knef durch die Zeiten. Im Mittelpunkt der Bühne ein großes, konzentrisch gestaffeltes Stahlrohr, an die überdimensionale Mündung eines James – Bond- Intro- Revolvers erinnernd. Ab und zu die Bühne für die Knef. Ansonsten vom Drehstuhl bis zur Hängematte alles sehr sachdienlich, natürlich und minimalistisch.

Zehn Vorhänge. Zwei Zugaben. Das Publikum begeistert. Nicht enden wollender Applaus, anhaltende Bravi, Trampeln. Diese Produktion wird immer ausverkauft sein,darin waren sich alle einig.