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16.12.2017 : 10:23 : +0100

Mozarts Zauberflöte in Saarbrücken

05.11.2012

Auch nach sechs Jahren hat die Inszenierung am Staatstheater Saarbrücken nichts von ihrem Glanz verloren. Frank Herkommer erklärt für Opernnetz, was so fasziniert.

Zirkus Sarastro

Ein Erfolgsstück geht in die siebte Runde. Kein bisschen hat die Inszenierung von Andreas Gergen seit 2006 an Charme, Faszination und verspielter Heiterkeit eingebüßt. Die Versetzung des Tempels in den Zirkus, sie gelingt. Pamina gefesselt und geknebelt in der Umkleide, vom Clown Monostatos bedrängt, der einem bekannten Horrorfilm entsprungen sein könnte. Die Priester im Gewand des Harlekin, die beiden Geharnischten auf meterhohen Riesenstelzen, verdeckt von Konfektionsgröße Mega-XXXL. Drei Knaben, die wie bei einem Hochseilakt von ganz oben einschweben. Um dann wieder auf dem Rad rechtzeitig zur Stelle zu sein, wenn die Erwachsenen am Ende scheinen. Der Chor auf der Galerie hinter dem Raubtiergitter. In der Manege die ganze Magie in Gestalt eines Elefanten, Affen, Nashorns, eines Bären, einer Giraffe und eines Zebras. Getanzt von Schülerinnen der hauseigenen Ballettschuld. Schon der Anfang bezaubernd schön. Nicht nur die Idee, Tamino aus dem Publikum holen zu lassen, Rockys Brad könnte nicht biederer wirken, um ihn später das dunkelblaue Sternengewand seiner Auftraggeberin, die Königin der Nacht, tragen zu lassen, bis die Liebe siegt und er Gewand wie Auftrag zurück gibt. Genauso von magischer Suggestionskraft das erste Bild mit der bühnenhohen Zauberwaldwand, die in das Reich des Phantastischen einlädt, mit ihrem exotischen Grün, aus dem passend zum Text des Vogelhändlers ein bunter Urwaldvogel hier und dann wieder da vorwitzig den Schnabel hervorlugen lässt. Beim bezaubernd schönen Bildnis gehen simultan die Blüten und ihre Träume auf. Alles atmet den Hauch von Illusionskunst, man weiß, wo man ist und vergisst es im selben Augenblick. Das eingestreute Lokalkolorit wirkt nicht aufgesetzt und gewollt, raffiniert wird beim realen Grill, dessen Würste Papageno genießt, die saarländische Lebensdevise nebenher zitiert: „Hauptsach, gut gess!“ Papagena, eine der Versuchungen des Papageno zeigt sie als alte Vettel im saarländischen Küchenschurz, Frau Becker aus Dudenhöffers Gruselkabinett steht Patin, babbelt in breitem Saar-Dialekt. Antierotikon pur. Eine Inszenierung, die Mozarts Phantasie und Verspieltheit ernst nimmt und weiter führt. Bei der trotzdem der antiklerikale Stachel bleibt, wenn Humanität über Religion sittlich triumphiert. Eine Zauberflöte, bei der Groß und Klein, viele der zahlreichen Kinder im Publikum sind im Vorschulalter, den Atem anhalten und keine Sekunde Langeweile verspüren.

Das Saarländische Staatsorchester spielt vor wie immer ausverkauftem Hais unter der Leitung von Toshiyuki Kamioka Mozart, wie er gespielt werden soll: Zwischen ätherischer Leichtigkeit, frivoler, burlesker Eindringlichkeit, Seelenmalerei und Raffinesse. Ein Genuss für jeden Mozartliebhaber. Auch der Opernchor, den Jaume Miranda einmal mehr vorzüglich einstudiert hat, besticht stimmlich, in seiner Abgestimmtheit und schauspielerisch.

Die Kostüme aus der kreativen Nähstube von Regina Schill sind klug in den Ansatz der Inszenierung eingebunden. Jedes Kostüm eine Preziose für sich. Das Bühnenbild von Stephan Prattes in seiner Buntheit und Abwechslungsreichtum nie überladen. Er gibt das Forum, nicht den Inhalt. Mit unzähligen sehenswerten Details.

Die Protagonistinnen und Protagonisten alle aus dem Haus. Eine überragende Königin der Nacht, Sofia Fomina, jeder Ton konzentriert und rein intoniert, strahlende, gekonnte Höhenakrobatik. Ihr Gesang verkommt nicht zur Artistik, er behält Seele und Charisma. Dazu eine Rolleninterpretation zwischen Matriarchat und Göttin, mit authentisch wirkenden Brechungen am Ende. An Qualität in nichts nachstehend Hiroshi Matsui, der mit seiner großen Stimme mühelos die tiefsten Tiefen erreicht, dessen stimmliche Mächtigkeit nie übersteuert wirkt. Charakter und Reife zeichnen seinen gesanglichen wie spielerischen Vortrag aus. Elizabeth Wiles, auch im wahren Leben mit Tamino Algirdas Drevinskas liiert, eine erotisch überzeugende Pamina. Ihre unverwechselbare Färbung gibt der Stimme große Variationsfähigkeit und Ausdrucksstärke. Technisch auf höchstem Niveau. Herzerfrischend die Interpretation des Papageno durch Stefan Röttig. Verschmitzt in der Darstellung, mit einer eleganten, vereinnahmenden Stimme. Algirdas Drevinskas spielt und singt mit sichtlichem Vergnügen einen auch stimmlich sehr variablen Tamino. Rupprecht Braun gefällt als Monostatos. In den weiteren Rollen: Laura Demjan als Papagena, die beiden Geharnischten werden von Vladimir Makarov und Antoniy Ganev gesungen und gespielt, die drei entzückenden Damen von Sofia Soyoung Lee, Tereza Andrasi und Evelyn Hauck, dem ersten Priester gibt Jeong-Han Lee seine jugendlich schöne Stimme, der zweite wird ansprechend von Manfred Rammel dargestellt. Chapeau den drei Knaben Wendelin Clemens, Matthias Piro und Lorenz Röttig. Jeder Ton sitzt, Stimmen, die Hoffnungen erwecken, unbekümmerte Spielfreude, drei, die einen Zauber mehr in die Inszenierung bringen.

Das Publikum genießt. Die anwesenden Kinder stören keinen Augenblick. Der Applaus will nicht enden. Viele reißt es von den Sitzen. Es könnten noch ein paar Jahre mehr werden, die das Saarbrücker Publikum sich von dieser grandiosen Operninszenierung verzaubern lässt.