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Parsifal in Mannheim- 51 Jahre Hans Schüler- Inszenierung

08.06.2008

Frank Herkommer kommentiert und analysiert für opernnetz.de eine Kuriosität an deutschen Bühnen: Die nahezu unveränderte Parisfal- Inszenierung in Mannheim. Ein ewiggrüner Hügel spielt dabei ein wichtige Rolle

Der ewig-grüne Hügel in Mannheim

Ganz Deutschland ist beherrscht von unzähligen Wagner-Neuinszenierungen, doch halt! Ganz Deutschland? Eine Bühne leistet tapferen Widerstand: Das Nationaltheater in Mannheim. Mindestens zwei Mal im Jahr, möglichst an hohen christlichen Feiertagen, 2008 an Karfreitag und Fronleichnam, kommt dort nahezu unverändert jene Parsifal-Inszenierung zur Aufführung, die Hans Schüler bereits 1957 auf die Bühne brachte. Karten zu erhalten erweist sich als fast genauso schwer wie für den Grünen Hügel in Bayreuth. Mit einem Publikum, so international wie die Wagnergemeinde. Mit Festgarderobe, die sich von selbst anlegt. Besucher dabei, die mehr als 40 Jahre die immergrüne Produktion begleitet haben. In den Pausengesprächen schwingen Andacht und Ergriffenheit mit. Der Ton dezenter und zurückhaltender als sonst - das Wort „Wagnergemeinde“ bekommt einen religiösen Klang. Und bei manch einem löst dieser Mannheimer Parsifal den status confessionis aus, wildfremde Menschen bekennen einander unaufgefordert ihren christlichen Glauben. Nietzsche wusste, warum er nach Parsifal Wagner die Gefolgschaft kündigte. Schüler zeigt es.

Was macht den Zauber dieser Inszenierung aus? Ist es die Vertrautheit, die anrührend wirkt? Gleich gebliebene Bilder aus einer längst vergangenen biografischen Epoche? Erlebt man wenigstens hier wohltuende Kontinuität bei allem rasanten Wechsel? Eingerammter Pfahl im Fleisch der Schnelllebigkeit unserer Zeit? Oder bietet dieser Parsifal eine leicht angestaubte, romantische Nische für rückwärts gewandte Projektionen? Mannheim, ein Hort der Reaktion, der zur Kenntlichkeit eskamotierte Wagnerkult?

Erklärungsversuch: Schüler greift durchgehend auf eine religiöse Chiffre zurück, die des Hügels, der Erhebung, um der Erhebung der Seele zu dienen. Zeitlos gültig, Tiefenschichten der Seele ansprechend. Der Hügel: Ort für Epiphanien, aitiologische Stiftungsstätte, Kultort mit Eichen und Therebinten für Baal wie Jahwe, geeignet für Verklärungen, vulkanischer Götterwohnsitz, Anhöhe für Tempel wie Burgen, Altar und Thron. Stätte für Jesu göttliche Adoption und Initiation. Schauplatz der (prophetischen) Beauftragung Parsifals. Kundrys Venushügel, später ihr Kalvarienberg und Amfortas' Golgatha. Hervorgehobene Stelle für den Hohenpriester des Heiligen Grals im Mannheimer gotischen Lichterdom. Himmelfahrtsbasis. Bergpredigtbühne. Jede Nuance der Chiffre spricht das Unbewusste an. Religion wiederum ereignet sich- Rudolf Bultmann- im Sich-Angesprochen-Wissen. Nicht kognitiv, existentiell.

Erklärungsversuch: Hans Schüler bedient sich nicht der Wagnerschen Vorlage, um eigene weltanschauliche, philosophische, ideologische oder konfessionelle Botschaften einzuzeichnen, keine Szene, in der ein Verfallsdatum erkennbar wäre. Das unterscheidet ihn von vielen Inszenierungen in Bayreuth, für deren Verständnis man in absehbarer Zukunft einen Anhang brauchen wird. Schüler macht das, was das Proprium, das Eigentümliche und das Mysterium des Parsifal ausmachen: Er dient. Diese Kohärenz mag zumindest ein Stück weit die Faszination der Inszenierung erklären. Und die Spiritualität, die von der Bühne auf die Herzen überspringt.

Bühnenbild wie Kostüme zeichnen sich aus durch zeitlose Schlichtheit und Geradlinigkeit. Die Wahrheit ist einfach, hat der Schweizer Theologe Karl Barth einmal treffend formuliert. Wahrheit hat zu tun mit Sammlung, Konzentration auf das Wesentliche, nicht Zerstreuung, nicht Ablenkung, auch nicht durch zu viel Sinnlichkeit. Die tänzerisch-heiteren Blumenmädchen strahlen eine Züchtigkeit aus, die weder altbacken wirkt, noch sich zuerst aus dem damaligen, prüden Zeitgeist heraus erklärt. Wenn Susan Maclean der Kundry alle Erotik der Welt einverleibt, dann verhüllt ihr raffiniertes Kleid und ermöglicht so erst erotische Phantasien.

Generalintendantin Regula Gerber strahlt an diesem Abend Ergriffenheit und berechtigten Stolz aus. Diese Aufführung kann sich mit Bayreuth und jeder anderen großen Bühne der Welt messen. Inszenatorisch. Genauso künstlerisch. Friedemann Layer gehört zu den herausragenden Wagnerdirigenten unserer Zeit und am Nationaltheater Mannheim steht ihm ein seiner würdiges, über Jahre gereiftes und in Wagnerinterpretationen außerhalb von Bayreuth wohl einmalig eingeübtes Orchester zur Seite. Über die einzelnen Protagonisten äußern manche aus dem mobilen Wagnertross mit fränkischer Festspielerfahrung, dass man auf dem dortigen Grünen Hügel nicht immer diese Stimmen, diese künstlerische Qualität geboten bekomme.

Ein Frank von Hove, der als Gurnemanz die Enge und Strenge der Basslage sprengt, mühelos auch nach oben ausgreift, eine unverwechselbare, jubelnde Farbe einbringt. Textverständlichkeit, wie sie alle ausnahmslos auszeichnet. Eine Susan Maclean, deren Kundry ergreifend, betörend, dienend dargestellt wird, Maria Magdala und Heidenkind in einem, präsent vom ersten bis zum letzten Augenblick, die den Raum nach der Fußwaschung einen langen dritten Akt auch schweigend und andächtig staunend ausfüllt, ihr Mezzosopran der Extraklasse, technisch vollendet, mit einer unverwechselbaren Klangschöne und interpretationsmächtig. Michael Weinius, Schwede und Tenor auf dem besten Weg zum Heldentenor, ein Parsifal, der das Mannheimer Publikum nach Jahren enttäuschender Besetzungen wieder begeistert. Thomas Berau, neu als Amfortas, gewinnt das Publikum auf Anhieb und überzeugt mit eleganter Stimme. International keinen Vergleich zu scheuen braucht ein Thomas Jesatko in der Rolle des Klingsor. In den weiteren Partien bietet das Haus das Beste, was es zu bieten hat. Und niemand ist sich für eine kleinere Rolle zu schade, keiner fällt aus dem hohen Niveau heraus: Taras Konoshenko, Charles Reid, Marina Ivanova, Andrea Szántó, Uwe Eikötter, Oskar Pürgstaller, Cornelia Ptassek, Iris Kupke, Katharina Göres und Marie-Belle Sandis geben ihr Bestes und tragen dazu bei, dass dieser Parsifal erneut geschieht, nicht gemacht wird, sich ereignet und darum zum Ereignis wird. Wer Wagner sucht, wird ihn in Mannheim finden. Spätestens am nächsten Karfreitag.