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Wenn das Adolf wüsste... "Die Lustigen Nibelungen" von Oscar Strauß am Pfalztheater

23.10.2008

Für opernnetz.de schreibt Frank Herkommer seine Kritik: Johannes Reitmeier gelingt eine wunderbare Parodie auf nationalistische Vergangenheit und Gegenwart

Wenn das Adolf wüsste... 
 






Fotos: Pfalztheater Kaiserslautern

Als Roberto Benigni 1997 La Vita è bella („Das Leben ist schön“) auf die Leinwand brachte, galt die Kombination von Humor und Faschismus für nicht wenige noch als die Opfer verhöhnender Tabubruch. Dabei hätte Chaplins Der große Diktator aus dem Jahr 1940 bereits auf geniale Weise belegen können: Die schärfste Waffe gegen Dummheit und Massenverführung ist immer noch das Lachen. Das wusste schon Oscar Straus, als er 1904 seine burleske Operette Die lustigen Nibelungen komponierte, mit den hinreißend frechen Texten des Rideamus (Pseudo-nomen est omen). Als habe der Komponist geahnt, dass die deutsch-nationalistische Mittelalter-Glorifizierung des 19. Jahrhunderts, die Einsetzung des germanischen, kriegerischen Erbes in die vermeintlich „verjüdelte, verzärtelte und verpöbelte“ (Nietzsche) jüdisch-christliche Tradition Wegbereiterin für Führerkult, Barbarei und Massenmord werden würde. Nicht ohne Seitenhieb auf Wagner, dessen Musik immer wieder zitiert wird.

Johannes Reitmeier, erfolgsverwöhnter Intendant am Pfalztheater Kaiserslautern, inszeniert nun die burleske Operette ex eventu, nach der Katastrophe des Tausendjährigen Reichs, in die nationalistische Überhebung geführt hatte. Kongenial unterstützt von Michael D. Zimmermann und dessen respektlosen, quietschlustigen, zum Brüllen komischen Kostümen und Bühnenbildern. Straus nimmt den Nibelungen hohles Pathos, heroische Überhöhung und das Archetypische des Kriegers. Da sind Memmen und Betrüger, Siegfried ist vorne von Horne, aber von hinten zu überwinden, und das zwei Jahre vor der Eulenberg-Affaire. Reitmeier lässt alle Protagonisten um der Eindeutigkeit der Zweideutigkeit willen sich auf die Gesäßbacken klopfen. Dem Regisseur gelingt das Zusammenführen von drei Linien: Geschichtsanschauung, die Spaß macht und Einblicke in eine der Strömungen des 19. Jahrhunderts ermöglicht. Indem er den Grimmen Hagen als Addi Gröfaz zeichnet, greift er wegweisend in die Auseinandersetzung mit dem Neofaschismus ein, indem er dessen heimliches Idol der albernen Lächerlichkeit Preis gibt. Wenn das Adolf wüsste! Wirksamer als drei Jahre dröger Sozialkundeunterricht. Und er leistet ein Drittes: Eine schwungvolle, irre komische Parodie aufs Parkett zu bringen, beste Unterhaltung. Choreographisch bis in kleinste Detail durch dekliniert von Ballettdirektor Stefano Giannetti.

Huhn oder Ei? Bei Reitmeier und Zimmermann keine Frage. Assoziationspingpong, Kreativitätsübertragungen. Der Boxring, mit Ansage, Rundentafeln, Wiederbelebungseimern. Düsterer Burgsaal, wie ihn der Adept des 19. Jahrhunderts epigonenhaft nachäfft. Huhn mit gelben Seiten, Zöpfchen-Blondie hier und Regina-Halmig-Brunhild auf dem Donnerbalken dort. Lohengrin stellt den Schwan, Ute liebt die Sauna. Gunther seinen Frieden. Kompakt, aber nie überladen. Kurzweilig, aber keineswegs mit kurzem historischem Atem. Und das Ganze ohne jedes Philistertum. Dafür Augenzwinkern, wenn die zwei Wagnerschwestern am Schluss sich das Erbe teilen. Ohne Nike, versteht sich.

Das Orchester unter Leitung von Till Hass lässt sich anstecken von der selten gesehenen komödiantischen Spiellaune auf der Bühne. Oscar Straus als Hörgenuss.

Daniel Böhm fühlt sich sichtlich wohl in der Paraderolle des regredierenden Weich-Ei Gunther. Wie das Publikum, das sich vor Lachen auf die Schenkel schlägt, wenn Brunhild (Silvia Klauder) ihm gehörig zusetzt. Unglaubliche Textverständlichkeit zeichnet die Künstler aus, nur bei den mörderisch dichten Texten der Brunhild hätte man sich manchmal gewünscht, dass das Orchester ein wenig (und wäre es gegen die Partitur) vom Tempo heraus nehme. Geertje Nissen, das Urgestein Lautrer Komödiantentums, eine brillante Ute, wie Klaus Hesse dem Dankwart Profil und Witz gibt. Zwei Protagonisten der älteren Generation, die mit ihrer Souveränität zeigen, was wir verlieren, wenn wir auf sie verzichten. Bernhard Schreurs hat als Held Volker nicht viel zu sagen, dafür umso präsenter zu sein. Und wie! Arlette Meißner in der Rolle der verliebten Maid Kriemhild singt so bezaubernd operettenhaft, dass man glatt den parodistischen Grundton vergessen könnte. Astrid Vosberg in der Hosenrolle des Recken Giselher bringt den Saal zum Toben. Und wenn sie ihren Stepp hinlegt, gibt’s Sonderapplaus. Ein stimmlich wie darstellerisch überragender Hans-Jörg Bock als von Siegfried und der särr doitsche Addi-Imitator Frank Gersthofer, zu Recht gefeiert. Ulrich Noltes Chor blödelt auf hohem Niveau mit, stimmlich bestens eingestellt.

Einige wenige Zuschauer litten unter akutem Humormangel und fanden alles einfach nur albern. Andere waren erst gar nicht auf ihrem Premierenabo-Platz auszumachen, hatten ihr Ticket anderen überlassen. Die große Mehrheit fühlte sich wunderbar unterhalten, Lach- und Denkmuskulatur angeregt. Ein Stück, das mehr als die acht Minuten Applaus verdient hätte. Und ganz viele junge Leute!