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23.6.2018 : 0:24 : +0200

Stephan Lill und Vanden Plas- ein Portrait von Frank Herkommer

21.06.2008

opernnetz.de bringt das Portrait eines Mannes, der für den Erfolg der Band "Vanden Plas" mit ausschlaggebend ist. Geschrieben hat es für backstage Frank Herkommer. Super Fotos sehen Sie über den Link direkt bei opernnetz.de

Am Anfang war die Gitarre, Dash-Trommeln und Farbeimer

Mitte Mai 2008. In der Münchner Innenstadt fließen 13.000 Liter Freibier für die Bayernfans. Am Gärtnerplatz rechnet an diesem Abend niemand mit großem Zuspruch. Die Süddeutsche setzt ihre ermüdende Kampagne fort, die Kritiken für „Christ0“( opernnetz-Kritik hier) entsprechend, nach dem Motto: Was kann von Uli Peters Gutes kommen? Fünf Männer aus dem Südwesten der Republik, drei Pfälzer und zwei Saarländer, haben vom Intendanten des Staatstheaters den Auftrag für die dritte Rockoper in der Musikgeschichte erhalten. Was in der vermeintlich prüden Provinz, in Saarbrücken oder Kaiserslautern, niemanden groß gestört oder auf die Barrikaden getrieben hätte, reicht für die BILD in der selbst gefühlten Weltstadt für das Prädikat „skandalös“. Und das Haus ist trotz Bayernsause voll! Auch nach der fünften Aufführung weiterhin minutenlange standing ovations. Das kam noch nicht oft vor in der Geschichte des Hauses.

Das Wunder bewirkt hat die Band Vanden Plas, die Prog Metal Rockband Nummer eins in Deutschland. Jetzt folgt meistens: Die Band von Sänger Andy Kuntz. Die Band um den Komponisten und Keyboarder Günter Werno. Falsch! Vanden Plas besteht aus fünf gleichberechtigten Musikern, die Band hat drei Komponisten, und Stephan Lill ist dieser Dritte im Bunde. Aber bestimmt nicht die Nummer drei.

Prog Rock und wie alle seine Derivate lauten mögen, hat traditionell eine trade mark: Die Bands bauen bewusst hohe technische Schwierigkeiten ein, um demonstrieren zu können, wie gut sie ihr jeweiliges Instrument beherrschen. Lill akzeptiert das. Aber der Komponist geht darüber hinaus. Manche Stücke kommen an die Zehnminutenmarke und damit an die Grenze der Hörgewohnheiten. Unerwartete Taktwechsel, Harmoniewechsel, Wegfall des üblichen Aufbaus von Strophe und Refrain muten dem Hörer erst einmal etwas zu. Und Lill traut sich etwas zu: Er verwendet außergewöhnliche Sounds, in Maßen klassische Arrangements, die man bei Rockmusik erst einmal nicht vermutet. Immer darauf bedacht, den overkill zu vermeiden. Die oberste Prämisse: Melodisch muss es sein, bei allem technischen Anspruch. Songdienlichkeit als oberstes Gebot.

Winnweiler im Alsenstal. Ortsteil Hochstein. Keine 30 km von Kaiserslautern entfernt. Rund 1300 Einwohner. Hier wählt man traditionell rot und jeder kennt jeden. Westpfalz pur. Heimat von Stephan und Manuela Lill. Hier komponiert er. Hier unterrichtet der 39jährige Gitarre. Ein Ort, so dörflich wie das nahe Kottweiler, in dem die drei Söhne eines Altphilologen aufgewachsen sind. Stephan studiert in Saarbrücken, nebenher. Seine Musikerlaufbahn begann lange vorher. Die Studienordnung wurde während dieser Jahre geändert, viele Scheine mussten neu erworben werden. Der Biogeografiker schließt sein Diplom trotzdem mit summa cum laude ab. Ihm hätte die Gymnasiallehrerlaufbahn ebenso weit offen gestanden wie dem Vater und dem ältesten der drei Lill-Brüder.

Angefangen hat alles mit Dash-Trommeln und leeren Farbeimern. Bruder Andreas entdeckt seine Leidenschaft für das Schlagzeug. ACDC-Fan Stephan, der Jüngere, ist sich von Anfang sicher: Sein Gerät ist die Gitarre. Die ersehnte Les Paul ist den Eltern zu teuer, die ersten Griffe übt der Knabe auf einer Akustikgitarre. Er jobbt. Er spart. Er kauft sich die E-Gitarre selbst. Lernt über das Ohr. Erst Jahre später wird er die Theorie bücherweise verschlingen und über Videos nachholen. So gründlich wie alles, was er anpackt. Er ist dabei, wenn die Gruppe seines Bruders Andreas im elterlichen Partykeller probt. 1983 soll die Band in der großen Kaiserslauterer Fruchthalle aufspielen. Der regionale Ritterschlag. Der Gitarrist fällt aus wegen Lampenfieber, Stephan beherrscht durch Zusehen jeden Griff und mit der elterlichen Zustimmung spielt der 15jährige beim ersten wichtigen Konzert. Ab dann immer.

Stephan Lill gehört zu den Stillen im Lande. Typ intellektuell-nachdenklicher Schwiegersohn. Lange Haare, klar. Meist gebändigt, selten offen. Kein Exzentriker, kein Schräger. Kein Selbstdarsteller. Wenn er ins Schwärmen kommt, dann weil es um Musik geht. Für sie lebt er. Durch sie leben zu können, empfindet er als sein großes, manchmal immer noch nicht zu fassendes Glück. Auf Stress befragt, verweist er auf den Bauarbeiter und den Müllmann. Die wüssten, was Stress sei. Was ihm abverlangt werde, habe eher mit Konzentration zu tun. Der Mann strahlt Gelassenheit aus und Ruhe. Nichts bleibt dem Zufall überlassen, alles durchgeplant, durchorganisiert. Er muss nicht Zeit erkämpfen, um zum Komponieren zu kommen. Er komponiert immer.

Längst arbeitet Stephan Lill an einer neuen CD. Neben den Auftritten in München und Kaiserslautern. Wie intensiv, kann man sich vorstellen, wenn man weiß, dass von den zehn Liedern der ersten CD damals sechs aus seiner Feder stammten, drei von Günter Werno, eins von Andy Kuntz. Heute geht es in etwa hälftig zu. Er eher rauer, Werno eher ästhetisch-künstlerisch, von dessen 120 % streicht die Band das an Zuviel, was sie bei seinen vorgelegten 80% an Komposition auffüllt. Andy Kuntz bringt seine Gesangslinien ein, und in gemeinsamer Anstrengung wird ein Song daraus.

Immer an neuen Projekten. Nach den beiden großen Erfolgen in dieser Saison, „Ludus Danielis“ am Pfalztheater Kaiserslautern (Kritik hier), einem Rockoratorium, dem Experten und Kritiker den Sprung über den großen Teich zutrauen, sowie „ChristO“ am Gärtnerplatz träumt Stephan Lill von einem kommerzielleren Musical. 15 bis 20 Songs befinden sich dafür bereits im Pool. Die Grundideen stehen längst im Raum. Theater ist das eine, Vanden Plas das andere. Auch hier wächst bereits eine weitere CD heran. Genauso viele Lieder auch dafür im Pool. Nicht mitgerechnet die Kompositionen für andere Bands. Bei seinen Songs lässt Lill erst einmal die Gesangslinien weg, legt das Stück Sänger Andy Kuntz vor. Bei 60 bis 70 % kommt es zu ähnlichen und deckungsgleichen Vorschlägen. Bei Abweichungen gilt: work on progress. Unglaublich kreativ erlebt er seinen Kollegen. Und alle miteinander herrlich albern und jungenhaft, wenn es die Situation zulässt. Musiker...!

Exodus hieß die Gruppe Anfang der 80er Jahre. Bis man entdeckte, dass bereits vorher eine Band sich diesen Namen zugelegt hatte. Eine zufällig beobachtete Autobeschriftung soll der Fama nach zur Neufirmierung geführt haben, Andy Kuntz, der früh zur Gruppe dazu gestoßen war, der Pate. Von daher hält sich hartnäckig das (falsche) Gerücht, Andy Kuntz habe die Band gegründet.

Der wichtigste Schritt zur Professionalität war das Engagement am Staatstheater Saarbrücken, als die Band den Zuschlag für Jesus Christ Super Star bekam. Plötzlich verdiente man Geld, konnte von der Musik leben. 40 bis 50 Aufführungen, heute undenkbar, damals Ende der 80er, Anfang der 90er noch möglich. Eben war Vanden Plas noch mit einem klapprigen VW-Bus und Schlafsäcken für ein paar Mark über die Dörfer getingelt, manchmal vor keinen zehn Leuten aufgetreten. Und jetzt Musical auf einer großen Bühne, vor immer ausverkauftem Haus. Es folgt der „Kleine Horrorladen“ in Kaiserslautern. Wieder ein Volltreffer.

Das entscheidende Zahnrad für den großen Durchbruch am Theater stellt für Stephan Lill Intendant Johannes Reitmeier vom Pfalztheater Kaiserslautern dar. Er hat an die Gruppe geglaubt. Er hat sie engagiert. Er hat das Stück „Abydos“ von Vanden Plas auf die Bühne gebracht. Mit ihm hat Günter Werno und Stephan Lill den „Ludus Danielis“ zum Riesenerfolg geführt. Durch seine Protektion war es erst möglich, dass Staatsintendant Uli Peters auf die Gruppe aufmerksam wurde und so den Auftrag für den Gärtnerplatz geben konnte.

Die Gastspiele im Ausland wie in den USA, wo Vanden Plas als Gruppe mehr Aufmerksamkeit entgegen gebracht wird als in Deutschland und hunderttausende CDs verkauft wurden, müssen in diesem Jahr ausfallen. Dänemark und Italien sind angesagt. Stephan Lill sieht's gelassen. Es würde ihn viel mehr aufregen, wenn in einem Portrait der Name des fünften Manns völlig unerwähnt bliebe: Bassist Torsten Reichert. So lange wie bei uns – so seine Überzeugung - kann es nur funktionieren, wenn es gerecht, demokratisch und fair zugeht. Schließlich - und er grinst - leben wir enger zusammen als manche Ehepaare.