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Backstage mit Uwe Sandner

30.08.2007

Den deutschen Kulturauftrag ernst nehmen will Generalmusikdirektor Uwe Sandner am Pfalztheater Kaiserslautern

Deutschen Kulturauftrag schützen

Wie ein ausgesprochen anspruchsvolles Opernprogramm in der pfälzischen Provinz begründet und angenommen wird, darüber sprach unser Mitarbeiter Frank Herkommer mit GMD Uwe Sandner vom Pfalztheater Kaiserslautern. Zwei seiner Produktionen aus der Spielzeit 2006/07, die szenische Welturaufführung des Onkel aus Boston und Janaceks Die Sache Makropoulus hat Opernnetz besprochen.

Opernnetz: In Ihrer ersten Saison als GMD am Pfalztheater Kaiserslautern haben Sie mit Mendelssohn-Bartholdvs „Der Onkel aus Amerika“ mehr als 180 Jahre nach ihrer Entstehung eine szenische Uraufführung gewagt. Wie waren Ihre eigenen Erfahrungen, wie die Resonanz beim Publikum, in der Fachwelt und beim Ensemble?

Uwe Sandner: Mit schlechtem Gewissen und mich nur als Verteiler verstehend heimse ich da die Lorbeeren einiger wichtigen und hochintelligenten Besprechungen ein. Lassen Sie mich festhalten: Ohne Herrn Reitmeiers couragiertes Vorpreschen bei „Breitkopf und Härtel" hätten wir die szenischen Uraufführungsrechte für Mendelssohns „Onkel aus Boston“ nie bekommen; Herrn Reitmeier ist es auch gelungen, für die szenische Umsetzung Sven Severin zu gewinnen, der im Verein mit unserem phantastischen Musikdramaturgen Andreas Bronkalla ein Konzept entwickelt hat, das mir als conditio sine qua non für die szenische Lebensfähigkeit dieses Abends erscheint.

Nicht zuletzt muss ich auch dem Haus-Ensemble und -Chor tiefsten Respekt zollen, diesen hochanspruchsvollen, ambitioniert komponierten Konzertgesang auf so hohem, ja sogar immer noch gestiegenem Niveau auswendig Abend für Abende auf die Opernbühne zu transportieren. Das bleibt selbstverständlich auch denjenigen Besuchern nicht verborgen, die schon die Gelegenheit hatten, diese außergewöhnliche Produktion zu erleben.

Opernnetz: In der kommenden Saison stehen neben konventionellen Opern wie „Der Troubadour" mit Susan Maclean vom Nationaltheater Mannheim als Gast, Donizettis „Don Pasquale" oder Tschaikowskis „Pique Dame“ mit der als Gräfin in Saarbrücken enthusiastisch gefeierten Grande Dame des Pfalztheaters, Geertje Nissen in ihrer letzten Rolle als Ensemblemitglied, so außergewöhnliche Produktionen auf dem Spielplan wie „Die menschliche Stimme". Tragedie lyrique von Poulenc, „Der Leuchtturm", Kammeroper von Peter Maxwell Davies, Ernst Kreneks Oper „Jonny spielt auf“ und „Flammen" von Erwin Schulhoff. Was gab für diese Stücke den Ausschlag? Gibt es einen „roten Faden"?

Uwe Sandner: Natürlich: „Di quella pira l’orrendo foco“ - wenn Sie so möchten, ist dieser hinreißende, gänsehäutelnde Gassenhauer aus Verdis „Troubadour" der „rote Faden", denn aus jedem Werk des kommenden Spielplans lodern die Flammen zum Himmel! lm Ernst - allen nachträglich leicht zusammenzuschusternden Stringenz- Argumenten zum Trotz: sicher gibt es zwischen der ein oder anderen Produktion ganze Bündel von bewussten bis ausdrücklich gesuchten Bezügen.

So beanspruchen z.B. sowohl „Johnny spielt auf“ als auch „Flammen" die Meriten der Erstverwendung des damals in Europa neuartigen, urwüchsig und triebhaft empfundenen Jazz in der Oper, was wir durch ein „Klassik trifft Jazz“-Konzert abrunden; wie übrigens auch ein „Romeo und Julia"-Konzert mit Bedacht die Brücke zur so erfolgreichen Schauspiel-Sparte schlägt. Aber einen „Troubadour" spielt man eben, weil wir durch glückliche Umstände eine phänomenale Belcanto-Besetzung gewinnen konnten und weil wir damit einem aus dem Theaterpublikum lange gehegten Wunsch entsprechen konnten und die wundervolle Geertje ihrem Publikum in ihrer Paraderolle noch einmal zu präsentieren - einen roteren Faden braucht's für die packende „Pique­ Dame" nicht!

Opernnetz: Gab es Widerstände gegen ein derart ambitioniertes Programm? Welche Argumente setzen Sie Kritikern entgegen, die eine Überforderung des Ensembles wie des pfälzischen Publikums befürchten?

Uwe Sandner: Als ich vor einem Jahr gefragt wurde, was mich an Kaiserslautern reize, konnte ich nur ehrlich bekennen, dass ich mich auf das Publikum freue, das ich als sehr aufgeschlossen, offen und herzlich in Erinnerung hatte. Zu meiner großen Freude hat sich daran nichts verändert: Wenn die „Pfälzer Mund-zu-Mund-Propaganda" eine Produktion erst entdeckt hat, dann wird sie auch vorbehaltlos goutiert und gefeiert. Der einzige Unterschied liegt vielleicht darin, dass dieser Prozess der Entdeckung auch unbekannter Werke heute ein wenig länger dauert, d.h. die ersten Vorstellungen scheinen etwas zögerlicher besucht. Angesichts dieser Entwicklung wiederum bin ich meinem Intendanten und allen dem „schnöden" merkantilen Aspekt von Theater Verpflichteten aufrichtig dankbar, dass sie einen ambitionierten Programmansatz ausdrücklich unterstützen und mittragen.

So gerne alle Mitwirkenden auf, vor und hinter der Bühne Musical, Operette. Spieloper und Standard-Repertoire aufführen - wie könnte ich es leugnen: Ein jeder Künstler freut sich über ein erfreutes Publikum - so habe ich doch in der vergangenen Spielzeit feststellen dürfen: Nahezu allen Mitarbeitern hier ist dieser so wichtige, weltweit einmalige und nicht zuletzt darum so schützenswerte „deutsche Kulturauftrag“ nicht etwa eine überfordernde lästige Pflichtaufgabe, sondern echtes herausforderndes Herzensanliegen. Wirkliche Befriedigung will auch immer ein wenig erarbeitet sein: Eine Binsenweisheit? Für viele innerhalb und außerhalb des Pfalztheaters: ja - zum Glück für Kaiserslautern und die Pfalz.