Sie sind hier: Rezensionen
16.7.2024 : 6:13 : +0200

opernnetz-Kritik "Elektra" zur Saisonpremiere

19.10.2008

Lange erwartet- endlich online- die Eloge von Frank Herkommer auf Hansgünther Heymes Inszenierung der "Elektra von Richard Strauß am Pfaztheater Kaiserslautern








Fotos: Pfalztheater Kaiserslautern

Musik: 5 Sterne

Gesang: 5 Sterne

Regie: 5 Sterne

Bühne: 5 Sterne

Publikum: 3 Sterne

Chat- Faktor: 2 Sterne


Elektra

(Richard Strauß)

Pfalztheater Kaiserslautern


Premiere am 13. September 2008


Lehrstück


So sieht Regietheater aus, das seinen Namen verdient hat: Hansgünther Heyme inszeniert am Pfalztheater Kaiserslautern eine überragende Elektra, in der jedes liebevoll eingeführte Detail Sinn macht, weil es in einem schlüssigen Verhältnis zum Gesamtbild steht. Eine Inszenierung, der Effekthascherei und stilistischer Synkretismus ebenso fremd sind wie die bevormundende und platte Pädagogisierung. Strenge im Stil, Offenheit in der Botschaft. Jede biografische Mitgift des Zuschauers darf eingetragen werden in das überzeitliche Drama, dem Hugo von Hofmannsthal eines der schönsten deutschen Sprachdenkmale gesetzt hat. Es zeugt vom Respekt Heymes, den Text im Kopf-Apparat mitlaufen zu lassen. Der Phantasie werden Bilder angeboten, die interpretationsoffen sind, weil fein ausdifferenziert, entsprechend der Uneindeutigkeit im wahren Leben. Heyme stößt den Diskurs an, im geschickten Wechselspiel zwischen geschichtlichem Subjekt, dem zoon politikon, und persönlicher biografischer Tragödie. Mit Psychogrammen, die zeitübergreifende Lebensmöglichkeiten sichtbar machen. Eine Elektra, die Übertragungen in das Vaterich als Überlebensstrategie des moralischen Subjekts in der Katastrophe ergreift, und die ahnt, dass nur in der letzten Identifikation, dem Tod, für sie die Erlösung liegt. Ihre Schwester Chrysothemis, die von der Ambivalenz aller Möglichkeiten erzählt und vom Recht, von Positionen zurückzutreten, wenn es die Situation geraten sein lässt, um sub specie contrarii die Ziele doch noch zu erreichen. Das Gebärenwollen als Möglichkeit der Sinnsetzung, ohne braunes Odium. Eine Klytämnestra, die alles aufweist: Die Kunst der Verdrängung, Affinität von Liebe und Tod, Selbstrechtfertigung, Überspielungen, Angst vorm Altern, und Nietzsches Genealogie der Moral jenseits von Gut und Böse. Orest, der die Schuldgefühle der Überlebenden im Krieg auszugleichen versucht durch Identifikation mit dem Tod und sei es als dessen Werkzeug. Es würde den Rahmen sprengen, alles nach zu erzählen, was die Klugheit Hansgünther Heimes, gespeist aus humanistischer Bildung, ins Bild gesetzt hat. Eine Inszenierung voller Respekt, gegenüber dem Stoff, den Künstlern und dem Publikum. Der Stoff eingesetzt in unsere Existenz, ohne fremd oder nachgeäfft zu wirken. Regietheater als Lehrstück.


Es erweist sich als Glücksgriff, dass Regie, Kostüme und Bühnenbild aus einem Kopf stammen. Unentrinnbarkeit der Konstellationen, dargestellt durch einen Raum ohne Fluchtwege, aseptisches Weiß, psychotisches Schwarz für die Wandschmiererei, das Hofgesinde in Zauberbergscher Schwesterntracht. Treppen, die abgebrochen sind und den Notausgang oben, wo die Rationalisierungen angesiedelt sind, aufs bloße Piktogramm reduzieren. Halb Klinikum, halb Psychiatrie. Kleider, die Geschichten erzählen und ganz Unterschiedliches in sich vereinen, wie die zerrissenen Seelen ihrer Träger. Paravans, die private Schuld als das enthüllen, was sie ist: Einwirkende und Anteilhabende am öffentlichen Leben.

GMD Uwe Sandner führt das große Orchester des Pfalztheaters zu einer unerhörten Leistung. Die Dramatik wird aufgenommen, aber nicht überhöht. Dienendes Dirigat, das die Schönheit der Straußschen Musik umwirbt. Klangdifferenzierungen, die noch lange in der Seele nachhallen. Sängerinnen und Sänger, die vom Orchester getragen und nicht gejagt werden.

Barbara Schneider-Hoftstetter eine vereinnahmende, in den Bann schlagende Elektra. Kostüm zwischen Tatarenfürstin und Paula Negri. Eindringlichkeit zeichnet ihr Spiel aus, gegen die jeder Widerstand zwecklos ist. Ihre elegante schöne Stimme bezwingt, betört, sie spielt mit allen Möglichkeiten, verstört und weckt Mitleid, erzählt von ihren Leiden und Sehnsüchten. Überwältigend! Wie Anna Maria Dur, eine Klytemnestra, der die unterschwellig hysterische Unruhe der Nahtoderwartung eines alten Menschen ab zu spüren ist. Mit ihrer kultivierten, technisch perfekten und Seelenenergie befördernden Stimme wie immer als Gast am Pfalztheater eine Offenbarung. Wolfgang Nerwala erweist sich als vorzügliche Besetzung für den Orest. Eine zugreifende, Stimmungen auslotende und ohrenschmeichelnde Stimme. Gänsehaut -Initiator. Adelheid Fink, Ensemblemitglied am Pfalztheater, wächst mit ihrem enormen Potential immer mehr in das Fach des jungen dramatischen Sopran. Sie singt nicht Chrysothemis, sie zelebriert, identifiziert sich, sie ist die kleine Schwester der Elektra. Man wird noch viel von ihr hören. Wie von Steffen Schantz, auch aus dem Haus, der in das Fach des jungen dramatischen Tenors wächst. Sein Belcanto meistert mit Bravour die mittlere, aber mörderische Partie des Aegisth. Auch schauspielerisch lässt Schantz immer mehr „los“ und zu. Alexis Wagner überzeugt als Pfleger und überrascht einige Vorstellungen später als eingesprungener Orest mit einer vorzüglichen Leistung,stimmlich wie darstellerisch. Sonor, männlich, klar.

Das Publikum genießt den Abend. Ob es die Ergriffenheit war, der Respekt vor dem anspruchsvollen Sujet, der Qualität Sprache und der Musik oder einfach nur das Publikum schon bessere Abende gesehen hat, acht Minuten Applaus ohne standings entsprachen nicht dem, was diese Aufführung verdient gehabt hätte.